Göttinnen und Heldinnen. 83
bildungskraft zu überreden. Sei die Götterwelt nur die
idealische Widerspiegelung der Menschenwelt, immerhin
ist es, wie schon weiter oben betont worden, eine ganz
unbestreitbare Thatsache, daß der Mensch jener bedarf,
weil ihn, den in die Schranken der Endlichkeit Gebannten,
das schmerzlich-süße Gefühl der Unendlichkeit, welches ihn
über das Thier hebt, zwingt, sich einen Himmel zu er—
bauen, in dessen Gestalten ihm das eigene Wesen, zum
Ideal erhoben, gegenständlich und klar wird. Aber in
dem Maaße, wie die Erde sich verwandelt, gestaltet sich
auch der Himmel um. Anders sind die Gottheiten barbarischer
Horden und anders die der Kulturvölker, denn
in seinen Göttern „malt sich der Mensch“. Daher, wenn
ein Tag der Weltgeschichte zu Ende — Tage, welche
Jahrhunderte und Jahrtausende währen — erblassen
auch die Gestirne, die ihn erhellt hatten, d. h. die Verbildlichungen
der Idee von Göttlichem, die Verkörperungen
von Naturgewalten oder sittlichen und sozialen
Begriffen, die Gottheiten, um anderen, oder wenigstens
anders gestalteten Platz zu machen. Aber die Verdrängten
sterben deßhalb nicht. Die Verklärerin der Vergangenheit,
Trösterin der Gegenwart und Ahnerin der Zukunft,
die Poesie, schlägt den mütterlich weichen Mantel schützend
um sie und rettet sie, wie Schiller schön gesungen, hinüber
in ihr Heiligthum 3). Da, „in den heitern
33) „Aus der Zeitflut weggerissen, schweben
Sie gerettet auf des Pindus Höh'n:
Was unsterblich im Gesang soll leben,
Muß im Leben untergeh'n.“
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