Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

522  Hermann  Oncken

 

macht.  An  diesem  letzten  Stadium  der  Einkreisungspolitik,  in  dem  das
Deutsche  Reich  vollends  in  die  Defensive  gedrängt  ist,  hatten  die  englischen
Staatsmänner  bezeichnenderweise  nicht  mehr  wie  früher  den  sichtbar
führenden  Anteil.  Vielmehr  hatte  der  russische  Panslawismus,  um  an—
derer  Ziele  willen  als  die  englische  Weltpolitik,  als  wahrer  Erbe
König  Eduards  dessen  Geschäfte  in  der  Weltgeschichte  übernommen.  So
durfte  man  in  London,  auch  wenn  man  nicht  mit  allen  Methoden  und
Plänen  des  Ententegenossen  einverstanden  war,  den  Verlauf  der  Dinge
mit  Zurückhaltung  abwarten,  ja  sogar  gleichzeitig  die  Hand  zu  dem  Ex—
periment  der  Entspannung  bieten:  nachdem  man  den  Gang  der  Welten—
uhr  neu  reguliert  hatte,  brauchte  man  sich  um  den  einzelnen  Stunden—
schlag  nicht  mehr  zu  sorgen.

Es  ist  begreiflich,  daß  die  deutsche  Regierung  sich  von  der  von  Grey
ausgedachten  und  von  Haldane  überbrachten  Formel  der  Verständigung,
die  praktisch  gar  nichts  besagte,  nicht  hatte  gefangennehmen  lassen.#)
Man  braucht  darum  noch  nicht  an  zunehmen,  daß  die  im  Laufe  der  nächsten
  Jahre  sich  hinziehenden  Besprechungen  in  London  von  vornherein
nur  als  Kulisse  für  eine  entgegengesetzte  Politik  gepflogen  worden  seien.
Es  sollte  sich  doch  erweisen,  daß  man  sowohl  in  der  künftigen  Abgrenzung
  der  Interessensphären  in  Zentralafrika  als  in  den  Fragen,  die  sich
an  die  Fortführung  der  Bagdadbahn  knüpften,  sehr  wohl  zu  einer  Verständigung
  kommen  konnte.  Selbst  das  schwierigere  Thema  einer  etwaigen
  Beschränkung  der  Flottenrüstung  wurde  jetzt  mit  mehr  Erfolg
als  im  Jahre  1909  behandelt.  Die  öffentliche  Meinung  Englands  dachte
etwas  ruhiger  als  in  früheren  Jahren,  und  einzelne  einsichtige  Publizisten
  erkannten  sogar,  daß  eine  starke  deutsche  Flotte  keineswegs  einen
ofsensiven  Charakter  zu  haben  brauche,  da  die  Lebensnotwendigkeit  der
deutschen  Politik,  über  der  Erhaltung  großer  offener  Märkte  in  der
Welt  zu  wachen,  den  Besitz  einer  entsprechenden  Flottenmacht  geradezu
bedinge  55).  An  der  entscheidenden  Stelle  blieb  allerdings  das  Mißtrauen
  lebendiger,  und  die  Natur  und  die  Ausdrucksweise  des  Marine=54)

  Sie  lautete  nach  Th.  Schiemann  (Wie  England  eine  Verständigung  mit
Deutschland  verhinderte.  Berlin  1915,  S.  25):  „Da  beide  Mächte  natürlich  wünschen,
  Frieden  und  Freundschaft  untereinander  zu  sichern,  erklärt  England,  das
es  weder  einen  unprovozierten  Angriff  auf  Deutschland  machen,  noch  sich
einem  solchen  anschließen  wird.  Deutschland  anzugreifen  ist  weder  Gegenstand
noch  Teil  eines  Vertrages,  einer  Verständigung  oder  einer  Kombina-=tion,
  zu  der  England  jetzt  gehört,  noch  wird  es  Teilnehmer  an  irgend  etwas  werden,
  was  ein  solches  Ziel  verfolgt.“

55)  Morel  a.  a.  O.  212:  „This  she  can  only  attain  by  the  possession  of  a  fleet
which  willmake  the  strongest  power  hesitate  either  to  attack  her  or  to  ignore  her.“