Metadaten : Illustrierte Geschichte der Sächsischen Lande und ihrer Herrscher. I. Band, 1. Abteilung. Von den Anfängen bis zum Tode Friedrichs des Strengen (1381). (1)

248  Die  stumme  Freundin

immerdar  wechselnde,  vielgestaltige  Formen  anheimeln  und  die
Seele  zum  Träumen  bringen.  Und  jedesmal,  wenn  die  Flammen
ihr  Spiel  begannen  und  mir  goldene,  warme  Lichter  auf  die  Knie
warfen,  da  stieg  eine  einzelne,  sehr  große  Ameise  an  meinen
fetzigen  Wickelgamaschen  empor,  spazierte  zutraulich  und  flink
auf  meinen  Schenkeln  hin  und  her,  kroch  mir  über  Schulter
und  Ropf  und  fühlte  sich  offenbar  wohl  bei  mir.  Ihr  schwarzer
Rörper  war  mattblank  wie  die  gewichsten  Gfenröhren  der  Bauernstuben.
  Die  Beine  standen  nicht  unter  dem  Bauch,  sondern  der
lange  Rörper  meiner  Freundin  hing  an  den  oben  weich  umgebegenen
  Beinen  und  federte  bei  ihren  Bewegungen.  Sie  war  anscheinend
  stumm.  Als  die  Dpsenterie  wieder  ausgebrochen  war,
saß  ich  nicht  wie  sonst  am  Feuer,  sondern  lag  unterm  Moskitonetz.
Ich  öffnete  es,  und  siehe,  da  kroch  auch  schon  meine  stumme  Freundin
  ins  Bett.  Sinmal  war  ich  vier  Tage  fort  und  dachte  —  so  sind
die  Männer  —  gar  nicht  mehr  an  sie.  Sie  indessen  hatte  natürlich
nur  das  Stelldichein  im  Sinne.  Als  die  Flammen  hochzüngelten,
da  setzte  sie  sich  getreu  auf  mein  Knie.  Man  sagt,  das  Schlimmste,
was  einen  von  einer  geliebten  Herson  treffen  kann,  sei:  vergessen
werden.  Die  Stumme  von  Mihambia  darf  versichert  sein,  daß  ich
in  einsamen  Stunden  mehr  an  sie  und  ihre  schlanken  Beine  dachte,
als  gut  war.

Um  drei  Uhr  standen  wir  auf  und  marschierten  ab,  während  auf
der  einen  Seite  des  stillen  Zimmelegewölbes  der  Große  Bär,  unser
nordisches  Hrachtgestirn,  auf  der  anderen  das  Kreuz  des  Südens
blinkte,  das  sich  in  bezug  auf  Schönbeit  und  Lichtstärke  der  einzelnen
  Sterne  nicht  mit  jenem  messen  kann.  Nachtvögel  trillerten
weich  und  fast  wehmütig.  Unzählige  Grillenchöre  hörte  man  nah
und  fern.  Um  Gräser  tanzten  Leuchtkäfer  herum.  Sternschnuppen
zogen  feurigrote  Bogenlinien  am  Firmament;  viele  zerplatzten
dann  geräuschlos  und  rote  Spritzer  sprangen  ab.  Es  sah  fast  so
aus,  wie  wenn  eine  Feder  mit  leuchtendem,  langem  Strich  über
Hapier  fährt  und  plötzlich  bei  einem  Widerstand  in  einem  Rlecks
endet.  —  Rurz  vor  fünf  Uhr  verließ  ich  die  Straße,  weil  nun
das  Jagdgelände  nahe  war.  Sofort  überfielen  uns  die  Tsetsefliegen,
  die  blutgierigen  Glossinen.  In  einer  halben  Stunde  fing
ich  ihrer  neunundzwanzig  an  mir  selbst,  während  von  sechs  bis