Metadata : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

456  Sechstes  Buch.  Die  Jahre  der  Erfüllung.

finanziellen  Schwierigkeiten  nicht  mehr  Herr  werden  konnte,
da  die  von  ihm  durchgemachte  lange  Reihe  von  Wandlungen
seine  persönliche  Autorität  sowohl  der  Volksvertretung  wie  der
Finanzwelt  gegenüber  geschädigt  hatte.  Die  liberale  Vergangenheit
  Camphausens,  des  jüngeren  Bruders  des  Märzministers
(S.  256),  flößte  dem  König  anfangs  Bedenken  ein:  sie  vergessen
  zu  machen,  reichten  bei  den  Konservativen  auch  seine
glänzenden  Erfolge  als  Fachminister  nicht  aus,  obgleich  ihm
der  König  angesichts  derselben  in  unzweidentiger  Weise  seinen
Dank  und  sein  Vertrauen  bezeigte.  Zum  entschiedenen  Bruch
mit  der  Regierung  brachte  es  endlich  der  erbitterte  Widerstand,
den  die  Konservativen  in  dem  inzwischen  entbrannten  Kulturkampf
  den  kirchenpolitischen  Gesetzen  leisteten.  Das  alles  bewirkte
  einen  Stillstand  in  der  gesetzgeberischen  Arbeit,  da
wichtige  Vorlagen,  wie  namentlich  die  neue  Städteordnung,
an  der  Opposition  des  Herrenhauses  scheiterten.  Auch  die  eingeleitete
  Steunerreform  konnte  deshalb  nur  in  einzelnen  Punkten
durchgeführt  werden.

Die  glänzendste  Seite  der  preußischen  Politik  blieb  auch
im  neuen  Reiche  die  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten
Deutschlands.  Von  einem  Auseinandergehen  der  Interessen
Preußens  und  einzelner  Teile  Deutschlands,  namentlich  des
Südens  dem  Ausland  gegenüber,  wie  es  noch  1870  hatte  behauptet
  werden  können,  ist  nirgends  mehr  die  Rede  gewesen,
und  vielleicht  schneller  und  fester  als  auf  irgend  einem  anderen
Gebiete  des  gemeinsamen  Lebens  war  das  Vertrauen  zu
Preußen  gerade  hier  begründet.  Auch  hat  sich  das  in  der
Eigenart  ihrer  Persönlichkeiten  wurzelnde  unvergleichlich  harmonische
  Zusammenwirken  König  Wilhelms  und  Bismarcks
nirgends  so  segensreich  bethätigt  wie  gerade  hier.  Die  meisterhafte
  Diplomatie  des  Kanzlers,  der  durch  seine  weise  Mäßigung
im  Siege  selbst  den  ehemaligen  Gegnern  Vertrauen  abnötigte
und  die  Ueberzeugung  des  Auslandes  von  der  ehrlichen  Friedfertigkeit
  und  selbstlosen  Redlichkeit  der  deutschen  Politik  zum
Fundamente  der  europäischen  Stellung  Preußens  und  Deutschlands
  gemacht  hatte,  fand  eine  moralische  Unterstützung,  wie
sie  nie  sonst  einem  Staatsmann  geworden,  in  der  ehrwürdigen,