Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 5. (5)

16 Dringende Mahnungen und Warnungen nach Wien. 
gierungen wähnen könnten, an Osterreich einen Rückhalt gegen uns m finden, und sich da- 
durch in ihrem Widerstande werden bestärken lassen. Wir sind gewiß, dah solche Rech-- 
nungen trügerisch sein werden, denn wir können nicht glauben, daß das Wiener Kabinett, 
wenn es auch an unserem Schritt positiv teilzunehmen sich nicht entschließen kann, demselben 
an den einzelnen Höfen oder am Bunde einen Widerspruch entgegensetzen würde, der gegen 
eine klare bundesgesetzliche Vorschrift gerichtet sein müßte. 
Dennoch können wir auch unfererseits nicht umhin, in dem Cntschluß des Kaiserlichen 
Kabinetts, sich in einer Srage von uns zu trennen, deren tiefere prinzipielle Bedeutung ich in 
meinem Erlaß entwickelt habe, einen, wenn auch nur temporären und einzelnen Sieg der- 
jenigen Richtung in der österreichischen Politik zu erblicken, deren Tendenzen wesentlich das 
Ausscheiden des Herrn Grafen von NRechberg veranlaßt haben. Die bedenklichen Solgen, 
welche wir von diesem Ausscheiden besorgten, sehen wir durch den Eintritt des Herrn 
Grafen von Mensdorff m unserer großen Befriedigung neutralisiert; und wir begen auch 
jetzt die Zuversicht, daß es seiner Gestigkeit gelingen werde, Cendenzen zu überwinden, welche 
mit seiner bewährten konservativen Gesinnung unmöglich im Einklang stehen können. Aber 
es ist gefährlich, diesen CKendenzen Sinräumungen m machen, welche sofort alle auf sie gesetzten 
Hoffnungen an den Höfen wie in den Parlamenten der Mittelstaaten und unter den revo- 
lutionären Elementen Deutschlands neu beleben, die Bestrebungen der revolutionären Staats- 
männer Deutschlands ermutigen und im Auslande die Suversicht auf das Susammenhalten 
PDreußens und Österreichs in großen politischen Sragen erschüttern müssen. 
Diesen Gefahren wird der Kaiserliche Herr Minister schwerlich Bedenken von gleichem 
Gewicht für den von uns vorgeschlagenen, einfach und zweifellos bundesrechtlichen Weg ent- 
gegenuntellen baben. Bei einem gemeinsamen Vorgeben Preußens und SÖsterreichs 
ist ein tatsächlicher Konfliktt gewiß nicht, wahrscheinlich auch nicht einmal ein ornstlicher 
Widerspruch zu beforgen. Sollte der Herr Graf von Mensdorff auf ein Mehr oder 
Weniger der Entfremdung oder der Gunst der mittelstaatlichen Ministerien einen so großen 
Wert legen, daß ihm dadurch das innige Verhältnis zu Preußen und die Einwirkung des- 
selben auf die ganze europäische olitik aufgewogen würde? Sollte er glauben können, durch 
eine von jenen Staaten und ihre von der Opposition in Österreich begünstigte Politik den 
Sieg der von ihm vertretenen Sache fördern zu können und sich die Überwindung der ihm 
entgegenstrebenden revolutionären Elemente m erleichtern? Werden diese Elemente nicht 
aus einem ersten Erfolge die Zuversicht und die Handhabe zu weiteren Erfolgen nehmen und 
unablässig bemüht sein, die alte Spaltung zwischen Preußen und SÖsterreich wieder hervor- 
zurufen und zu erweitern? Wir baben unfererseits die feste Absicht, an dem Bündnis und 
Einverständnis mit Österreich festzuhalten, solange dieses selbst nicht davon abläßt und sich 
auf die Seite unserer Gegner stellt, aber wir können uns nicht dazu verstehen, und wäre es 
auch in Gemeinschaft mit Osterreich, dem Prinzipe, dessen Bekämpfung die Lebensaufgabe 
der jetzigen preußischen Regierung ist, Konzessionen zu machen und unberechtigte Triumphe 
zu bereiten. Ob dieses Prinzip uns auf den Straßen und in den Klubs oder in Gestalt aktiver 
deutscher Staatsmänner und uniformierter Cruppen gegenübersteht, macht für uns keinen 
Unterschied in der Aotwendigkeit, es anzugreifen, wenn wir es überwinden wollen. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, die in diesem Erlaß — welcher, wie ich ausdrücklich 
bemerke, nicht zur Mitteilung bestimmt ist — niedergelegten Betrachtungen in mündlicher 
und vertraulicher Besprechung mit dem Herrn Grafen von Mensdorff mit aller Entschieden- 
beit m verwerten.