Full text : Die Freiheit.

klagen  muß  Mill  hier  gegen  seine  Landsleute  erheben!  Nicht
genug,  daß  das  Gesetz  jeden  ehrlichen  Ungläubigen,  der  den
christlichen  Eid  nicht  leisten  will,  des  gerichtlichen  Schutzes
beraubt.  Wo  das  Gesetz  milder  geworden,  erhebt  sich  der  finstere
  Fanatismus  der  Gesellschaft,  besteht  mit  jüdischer  Härte
auf  der  puritanischen  Feier  des  Sabbats,  drückt  dem  ehrlichen
Freidenker  das  soziale  Brandmal  auf  die  Stirn,  welches  tiefer
schmerzt  als  alle  Strafen  des  Staates,  macht  ihn  brotlos  und
ächtet  ihn  aus  den  Kreisen  der  Bildung  und  der  feinen  Sitte.
Und  wie  vieles  ließe  sich  noch  sagen  gegen  jene  Engherzigkeit,
welche  die  freie  Bewegung  des  Menschengeistes  in  Ewigkeit
einzwängen  will  in  den  beschränkten  Gedankenkreis  der  standard
  works  of  theology!

Und  haben  wir  Deutschen  ein  Recht,  bloß  mit  pharisäischem
Behagen  dieser  Schilderung  englischer  Unfreiheit  zu  lauschen?
Auch  unser  Staat  ist  aus  seiner  theokratischen  Epoche  noch
nicht  gänzlich  herausgetreten;  noch  sehr  vielen  unserer  Gesetze
steht  auf  der  Stirn  geschrieben,  wie  unendlich  mühsam  die
Ideen  der  Toleranz  dem  unduldsamen  Staate  und  der  noch
unduldsameren  Macht  geschlossener  Kirchen  abgerungen  werden
  mußten.  Auch  in  der  Gesellschaft  lebt  noch  weit  mehr
Unduldsamkeit  und  —  was  desselben  Dinges  Kehrseite  ist  —
weit  mehr  religiöse  Feigheit,  als  dem  Volke  Herders  und
Lessings  geziemt.  Wer  irgendeinen  Begriff  davon  hat,  in
welcher  ungeheuren  Ausdehnung  der  Glaube  an  die  Dogmen
der  christlichen  Offenbarung  dem  jüngeren  Geschlechte  geschwunden
  ist,  der  kann  nur  mit  schwerer  Sorge  beobachten,
wie  gedankenlos,  wie  träge,  ja  wie  verlogen  Tausende  einem
Lippenglauben  huldigen,  der  ihren  Herzen  fremd  geworden.
Nur  die  wenigsten  haben  nachgedacht  über  die  grobe  Unwahrbeit
  der  juristischen  Fiktion,  in  welcher  Staat  und  Kirche  bei

15  33