Full text : Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. (3)

522  Die  Arbeiterfrage.

unzureichenden  Taglohne  gaben,  durch  die  Maschinenarbeit  immer  weniger
lohnend  geworden  sind,  vielleicht  gar  keine  Verwendung  mehr  finden,  während
  ein  Ersatz  durch  neue  Nebenbeschäftigungen  sehr  schwer  zu  beschaffen
ist.  Dass  die  ländliche  Arbeit  eine  gesündere  und  ansprechendere  ist,  und
dass  sie  weniger  nothwendig  das  Familienleben  zerstört,  ist  richtig  und
kann  zu  einigem  Ersatze  dienen;  auch  ist  wenigstens  da,  wo  eine  richtige
Organisation  des  Volksunterrichtes  besteht,  eine  bessere  Erziebung  der
Kinder  möglich,  als  sie  in  den  überfüllten  Fabrikstädten  und  namentlich
bei  der  unseligen  Kinderarbeit  in  den  Fabriken  beschafft  werden  kann:
dennoch  wäre  es  ein  grosser  Irrthum,  anzunehmen,  dass  die  körperliche  und
die  sittliche  Beschaffenheit  solcher  Taglöhnermassen  eine  befriedigende  sei.
Die  nicht  selten  unsagbar  schlechte  Beschaffenheit  der  von  den  Gutsherren
gelieferten  Wohnungen  ist  weder  der  Gesundheit,  noch  der  Moralität  zuträglich,
  und  es  sind,  namentlich  in  England,  in  dieser  Beziehung  Zustände,
welche  jeder  Schilderung  spotten.  Auch  hier  ist  die  Schenke  Zufluchtsort
und  weiteres  Verderben.  Ausserdem  verleitet  die  Noth,  wohl  auch  der
Hass  gegen  den  harten  Herrn,  zu  vielfacher  Unredlichkeit  in  Wald  und
Feld.  Der  Hass  gegen  den  Herrn,  sagen  wir;  wie  wäre  es  anders  möglich,
als  dass  ein  solcher  besteht,  wo  so  klar  vor  Augen  liegt,  dass  lediglich  in
seinem  üblen  und  selbstsüchtigen  Willen  die  Ursache  des  ganzen  Elendes
liegt  und  es  kaum  eines  Opfers  von  seiner  Seite  bedürfte,  um  einen  leidlichen
  Zustand  herzustellen.  Die  Ueberlassung  eines  Stückchen  Feldes  würde
gar  nicht  von  ihm  gefühlt,  erforderlichen  Falles  gerne  durch  guten  Pachtzins
  vergütet;  die  Herstellung  ausreichender  Wohnung  wäre  so  leicht  zu
beschaffen  bei  dem  Vorhandensein  alles  Moteriales  und  der  Arbeitskraft
auf  dem  Gute  selbst.  Es  ist  daher  in  der  That  kein  Wunder,  dass  da,  wo
die  Taglöhner  nicht  gar  noch  durch  Hörigkeit  an  die  Scholle  gebunden
sind,  sie  und  ihre  Familien  sich,  wenn  irgend  möglich,  in  die  Städte  und
selbst  in  Fabriken  drängen  oder,  falls  sie  die  Mittel  dazu  aufzubringen
vermögen,  in  ganzen  Schaaren  auswandern.  Die  Nothwendigkeit  einer  Abhülfe
  ist  ganz  unläugbar.  Dass  das  Vorhandensein  grosser  und  reicher
Gutsbesitzer,  namentlich  wenn  sie  selbst  auf  dem  Lande  wohnen,  auch  seine
eutschiedenen  Vortheile  hat,  soll  nicht  bestritten  werden.  Ebenso  ist  richtig,
dass  auf  grossen  Gütern  die  Landwirthschaft  rationeller  getrieben  werden
kann,  als  auf  kleinen.  Dennoch  bleiben  die  Nachtheile  eines  Zustandes
überwiegend,  in  welchem  Einzelne  übergrossen  Grundbesitz  monopolisiren
und  nur  Schaaren  von  bettelbaften  Taglöhnern  um  sich  dulden;  und  diese
Uebel  treten  schreiend  hervor  gegenüber  von  einem  Lande,  in  welchem
durch  Theilbarkeit  des  Bodens  sich  ein  zahlreicher  kleinerer  Bauernstand
auf  eigenem  freien  Besitze  und  mit  nur  wenigen  Lohnarbeitern  zur  Aushilfe
ausgebildet  hat.  Wenn  daher  überhaupt  eine  Arbeiterfrage  aufgeworfen