Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

104

zu  entreißen.  Er  setzte  seinen  Angriff  am  9.  weiter
fort,  vermochte  aber  damit  nicht  wesentlich  Gelände
zu  gewinnen;  auch  die  in  denselben  Tagen  sich  wiederholenden
  französischen  urgriffe  zwischen  Avre  und  Oise
scheiterten.  Nördlich  von  der  Ancre  wurde  die  deutsche
Stellung  in  Erkenntnis  der  sich  vermehrenden  Wucht
des  feindlichen  Angriffs  wieder  bis  Puisieux  und  Hamel
  zurückverlegt.  Man  gewann  den  Eindruck,  als
ob  die  Heeresleitung  unter  Lieferung  von  Nachhutschlachten
  auf  die  =  Siegfriedstellunge,  aus  der  sie  am
21.  März  zu  dem  großen  Angriff  vorgebrochen  war,
zurüchtinge.  Täglich  wurde  an  der  ganzen  Front  zwischen
  Ancre  und  Vesle  bis  in  die  Champagne  hinein
heftig  gekämpft,  ohne  daß  sich  jedoch  ein  einheitlicher
Angriff  aus  den  einzelnen  Vorstößen  entwickelte.  Besonders
  heftige  Kämpfe  brachte  der  18.  und  18.  Aug.
zwischen  Oise  und  Aisne;  nördlich  von  der  Oise
wurden  die  deutschen  Linien  an  einzelnen  Stellen,
zumal  bei  Bauvreignes  in  der  Avre-Gegend,  zurückgedrückt,
  im  übrigen  gehalten.  Jedoch  in  der  Nacht
vom  20.  zum  21.  mußten  die  Truppen  südwestlich  von
Noyon,  die  im  Carlepont-Walde  fechtenden  Divisionen
hinter  die  Oise  zurückgenommen  werden.  Am  20.  begann
  wieder  ein  großangelegter  Angriff  der  Engländer
  im  Gelände  südlich  von  Arras  in  einer  Frontausdehnung
  von  20  km.  Der  Hauptstoß  erfolgte  von
Engländern  und  Neuseeländern  aus  der  Gegend  zwischen
  Moyenville  und  der  Ancre  in  Richtung  auf  Bapaume;
  am  21.  wurde  der  Angriff  mit  voller  Kraft
fortgesetzt  u.  dehnte  sich  auf  die  Front  Albert-Somme-Niederung
  aus.  Der  Ansturm  wurde  zunächst  abgewiesen.
  Zwischen  Oise  und  Aisne  sah  man  sich  aber
veranlaßt,  in  der  Nacht  vom  21.  zum  22.  Aug.  die
Truppen  hinter  die  Aulette  zurückzunehmen.
Der  24.  Aug.  nötigte  auch  dem  englischen  Angriff
egenüber,  wie  vorauszusehen,  zu  einem  teilweisen
Zurückgehen.  Der  Feind  folgte  und  führte  seinen  Angriff
  mit  weit  Überlegenen  Kräften  unter  Einsatz  von
gem  altigen  Mengen  an  Panzerwagen  mit  Wucht  weiter.
o  kam  es  am  26.  zu  besonders  schweren  Kämpfen
zwischen  Arras  und  der  Somme,  die  sich  am  27.  fortsetzten
  mit  dem  Schwerpunkt  südlich  von  der  Scarpe;
der  Hauptstoß  wurde  beiderseits  der  Straße  Arras-Cambrai
  geführt;  er  scheiterte  im  großen  ganzen;
immerhin  gelang  es  nicht,  den  Angriffswillen  der
Engländer  zu  brechen.  Zwischen  Somme  und  Oise
dauerte  der  Rückzug  der  Deutschen  fort,  Chaulnes  und
Roye  kamen  in  Feindeshand.—  Südöstlich  von  Arras
dauerte  der  Kampf  ununterbrochen  fort,  die  Heeresgruppe
  Boehn  hatte  einen  besonders  schweren  Stand:
am  29.  mußte  die  Verteidigung  in  neue  Linien  östlich
von  Bapaume  und  nordwestlich  von  Péronne  verlegt
  werden.  Zwischen  Ailette  und  Aisne  kam  es  zu
französisch-amerikanischen  Angriffen,  die  zunächst  erfolglos
  blieben.  —  Der  30.  Aug.  brachte  wieder  eine
gewaliige  Fortführung  des  Angriffs  südöstlich  von
rras,  durch  den  einelne  Stellen  der  deutschen  Front
abbröckelten.  —  Die  Neugestaltung  der  deutschen  Verteidigungslinie
  südlich  von  Arras  veranlaßte  die  Heeresleitung,
  auch  auf  dem  nördlichen  Teil,  in  Flandern,
andere,  weiter  rückwärts  gelegene  Stellungen  beziehen
zu  lassen  Am  31.  Aug.  wurde  der  Kemmel  wieder  aufgegeben,
  die  Front  verkürzte  man  so  durch  die  Räumung
  des  auf  Hazebrouck  vorspringenden  Bogens  zwischen
  Dpern  und  La  Bassce.  Zwischen  Oise  und  Aisne
begannen  mit  diesem  Tage  neue  gewaltige  Kämpfe.  Da
am  1.  Sept.  zwischen  Scarpe  und  Somme  auf  45  km
Breite  wieder  starke  englische  Kräfte  eingesetzt  wurden,

I.  Kriegsgeschichte

so  tobte  der  Kampf  auf  der  ganzen  Linie.  Péronne
fiel,  der  englische  Angriff  gewann  am  2.  langsam  weiter
  Boden.  In  der  Nacht  mußten  die  erschöpften  deutschen
  Streitkräfte  zurückgenommen  werden.  Ebenso
wurde  dies  zwischen  Somme  und  Oise  notwendigsowie
östlich  von  Soissons  und  an  der  Vesle.  Es  warnicht  zu
verkennen,  daß  sich  die  deutschen  Heere  trotz  aller  Tapferkeit
  und  Zähigkeit  bisher  nicht  die  Möglichkeit  hatten
erkämpfen  können,  zur  Gegenoffensive  überzugehen.
Der  Monat  September  änderte  in  dieser  Hinsicht
nichts.  Es  traten  zunächst  einige  ruhigere  Tage  ein;
der  Feind  zog  seine  schwere  Artillerie  nach.  Lebendig
war  es  nur  bei  Armentières,  wo  die  Engländer  gegen
die  neubezogenen  deutschen  Stellungen  lebhaft  vorfühlten.
  Am  5.  Sept.  verlief  die  neue  deutsche  Kampffront
  von  Nord  nach  Süd  Gegend  westlich  von  Armentières-westlich
  Lens-über  die  Scarpe  westlich  von
Douai-Moeuvres-Tricourt-Pierre  St.  Vaast-Wald-—
östlich  von  Péronne  -  westlich  von  Ham  -  westlich  von
Chauny-östlich  von  Coucy  le  Chäteau-  östlich  von
Soissons  -  Amigny-Baisis-Laffaux  Gonde-  westlich
von  Anizy  und  Vailly-  nördlich  von  Reims  (alte
Stellung)-Argonnen-Maas-Mosel.  Am  8.  Sept.  beannen
  wieder  größere  Angriffe  südlich  von  der  Straße
éronne-  Camvrai  sowie  zwischen  Ailette  und  Alsne
und  in  der  Champagne,  die  unmittelbar  keinen  Erfolg
  hatten,  jedoch  wiederum  die  Zurücknahme  eines
Teiles  der  deutschen  Linien  am  Crozat-Kanal  in  die
Gegend  westlich  von  Essigny  -Vendeuil  veranlaßten.
Um  diese  Zeit  wurde  eine  Anderung  der  Gliederung
der  Streitkräfte  auf  der  Westfront  vorgenommen,  indem
  zwischen  der  Heeresgruppe  deutscher  Kronpceinz
und  der  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg,  Verdun
  gegenüber,  eine  Heeresgruppe  Gallwitz  gebildet
wurde  *  hatte  als  Gegner  hauptsächlich  Amerikaner.
*

*

Bis  zum  Herbst  1918  waren  größere  Unternehmungen
  vom  mazedonischen  Kriegsschaupla#K#nicht
mehr  zumelden.  Beiderseits  wurden  die  Stellungen  immer
  widerstandsfähiger  ausgebaut.  Beide  Gegner  fühlten
  sich  zur  Durchführung  eines  entscheidenden  Angeifss
  nicht  stark  geng  er  Ersatz  der  Abgänge  der

rientarmee  und  ihre  Versorgung  litten  bes.  stark  durch
den  immer  wirksamer  einsetenden  Unterseebootkrieg;
bei  den  Verblindeten  erforderte  aber  der  Gang  der
Ereignisse  an  der  Westfront,  auf  dieser  möglichst  stark  zu
erscheinen.  Mazedonien  wurde  dadurch  zunächst  ein
Nebenkriegsschauplatz.  —Am  15.Sept.  1918  aber  sahen
sich  die  Bulgaren  von  Franzosen,  Serben  und  Grie
chen  (venizelistische  Truppen)  im  Cernabogen  so  heftig
angegriffen,  daß  zur  Abwehr  sofort  deutsche  Bataillone
herangeholt  und  eingesetzt  werden  mußten.  Der  Anriff

  war  diesmal  am  ersten  Tage  schon  von  Erfolg  gerönt,
  die  bulgarischen  Stellungen  von  Sokol,  Dobropolje
  und  Vetrenik  wurden  in  einer  Ausdehnung  von
11  km  vom  Feinde  erstürmt  und  neue  Linien  7  km
nördlich  davon  bezogen.  Südlich  und  westlich  vom
Dojran-See  gelang  es  noch  einmal,  englische  und  griechische
  Uugrife  abzuweisen.  Allein  General  Sarrail
Pwann  doch  auf  seinem  linken  Flügel  dauernd  die
berhand.  Auf  der  ganzen  Linie  Monastir-Veles  blieb
er  im  ungestümen  Bordringen.  Am  23.  wurde  Prilep
  von  ihm  besetzt;  die  Folge  davon  war,  daß  auch
die  Mitte  am  Vardar  zurückging,  Demir  kapu  wurde
von  den  Serben  genommen.  Die  bulgarische  Heeresleitung
  verkündete  in  ihrem  Tagesbericht  vom

1  Bgl.  die  Karte  Vd.  II,  S.  143.