Metadata : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

156  Einzug  der  deutschen  Truppen.

schellten  mit  wüthenden  Ausrufen  ihre  Gewehre  auf  dem  Pflaster  oder
an  den  Brückenpfosten,  oder  warfen  alles,  was  sie  an  Wehr  und
Waffen  hatten,  in  den  Festungsgraben.  „Wir  sind  verrathen,  wir
sind  nicht  besiegt,  wir  sind  verkauft!“  schrien  sie,  die  Elenden  speien
ihre  eigenen  Offiziere  an  und  wollen  sich  an  denselben  vergreifen,  so
daß  deutsche  Offiziere  und  deutsche  Truppen  die  französischen  Offiziere
gegen  ihre  eigenen  Soldaten  schützen  müssen.

Da  kommt  ein  Trupp,  dessen  Haltung  mehr  Würde  zeigt,  es
sind  die  Artilleristen  und  Pioniere  von  Straßburg,  an  5000  wohl  ge—
kleidete,  kräftige  Männer.  Jetzt  wälzt  sich  ein  Konglomerat  von
Zuaven,  Turkos,  Zephirs  heran,  wie  die  Kamele  bepackt,  theilnahmslos
oder  betrunken,  ihnen  macht  die  Erniedrigung  Frankreichs  keinen
Schmerz.  Dann  kommt  die  gesammte  Kavallerie,  ohne  Pferde,  etwa
25  Mann,  traurige  Ueberreste  der  bei  Wörth  geschlagenen  Armee.

Am  Glacis  sind  Abtheilungen  der  preußischen  Gardelandwehr
aufgestellt,  sie  nehmen  ihre  Reisegefährten  in  Empfang.  Die  Gefangenen
  gehen  nach  den  deutschen  Festungen  Rastadt  und  Ulm,  welche
sie  erobern  wollten.  Sie  finden  dort  schon  Gesellschaft  genug  von
der  hochmüthigen  Schar,  welche  hier  in  aller  Muße  über  ihren  Spaziergang
  nach  Berlin  nachdenken  können.

Nachmittags  vier  Uhr  wird  die  Festung  von  den  deutschen  Truppen
  besetzt.  An  einem  28.  September  war  es,  als  Ludwig  XIV.,  der
freche  Räuber,  seinen  Einzug  hielt,  und  wieder  an  einem  28.  September
  zogen  lange  Kolonnen  gefangener  Franzosen  heraus,  die  deutschen
  Sieger  hinein.  In  geschlossener  Kolonne  rückte  das  30.  Infanterieregiment
  heran,  ihm  folgte  das  2.  Garde-Landwehrregiment.
Welcher  Gegensatz  zu  den  abziehenden  Truppen!  Welche  Ruhe,  welche
Kraft!  Nicht  einmal  die  Trommeln  ertönten,  aber  der  feste  Tritt  der
Bataillone,  das  Blitzen  der  Bajonette  und  das  Rasseln  der  Geschütze
verräth  den  Bewohnern,  daß  Deutschland  seinen  Raub  zurückgenommen
  hat.

Die  Deutschen  Straßburgs  empfingen  ihre  siegreichen,  anrückenden
  Brüder  freilich  mit  großer  Gleichgültigkeit,  ja  sogar  theilweise  mit
dem  bittersten  Haß.  Aber  wenn  die  Herzen  der  deutschen  Bewohner
im  Elsaß  auch  von  französischem  Gifte  angefressen  und  erkaltet  sind,