156 Einzug der deutschen Truppen.
schellten mit wüthenden Ausrufen ihre Gewehre auf dem Pflaster oder
an den Brückenpfosten, oder warfen alles, was sie an Wehr und
Waffen hatten, in den Festungsgraben. „Wir sind verrathen, wir
sind nicht besiegt, wir sind verkauft!“ schrien sie, die Elenden speien
ihre eigenen Offiziere an und wollen sich an denselben vergreifen, so
daß deutsche Offiziere und deutsche Truppen die französischen Offiziere
gegen ihre eigenen Soldaten schützen müssen.
Da kommt ein Trupp, dessen Haltung mehr Würde zeigt, es
sind die Artilleristen und Pioniere von Straßburg, an 5000 wohl ge—
kleidete, kräftige Männer. Jetzt wälzt sich ein Konglomerat von
Zuaven, Turkos, Zephirs heran, wie die Kamele bepackt, theilnahmslos
oder betrunken, ihnen macht die Erniedrigung Frankreichs keinen
Schmerz. Dann kommt die gesammte Kavallerie, ohne Pferde, etwa
25 Mann, traurige Ueberreste der bei Wörth geschlagenen Armee.
Am Glacis sind Abtheilungen der preußischen Gardelandwehr
aufgestellt, sie nehmen ihre Reisegefährten in Empfang. Die Gefangenen
gehen nach den deutschen Festungen Rastadt und Ulm, welche
sie erobern wollten. Sie finden dort schon Gesellschaft genug von
der hochmüthigen Schar, welche hier in aller Muße über ihren Spaziergang
nach Berlin nachdenken können.
Nachmittags vier Uhr wird die Festung von den deutschen Truppen
besetzt. An einem 28. September war es, als Ludwig XIV., der
freche Räuber, seinen Einzug hielt, und wieder an einem 28. September
zogen lange Kolonnen gefangener Franzosen heraus, die deutschen
Sieger hinein. In geschlossener Kolonne rückte das 30. Infanterieregiment
heran, ihm folgte das 2. Garde-Landwehrregiment.
Welcher Gegensatz zu den abziehenden Truppen! Welche Ruhe, welche
Kraft! Nicht einmal die Trommeln ertönten, aber der feste Tritt der
Bataillone, das Blitzen der Bajonette und das Rasseln der Geschütze
verräth den Bewohnern, daß Deutschland seinen Raub zurückgenommen
hat.
Die Deutschen Straßburgs empfingen ihre siegreichen, anrückenden
Brüder freilich mit großer Gleichgültigkeit, ja sogar theilweise mit
dem bittersten Haß. Aber wenn die Herzen der deutschen Bewohner
im Elsaß auch von französischem Gifte angefressen und erkaltet sind,