Full text : Kronprinz Wilhelm. Meine Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf.

38  Depeschen  von  Canitz  13.  März.

Briefe  angegebenen;  wir  haben  sie  schon  genauer  erörtert.  Die  Proklamationen
  an  das  preußische  und  deutsche  Volk  aber  sollten  alle  ehrlichen
Leute  in  Deutschland  zum  Anschluß  an  die  legitimen  Regierungen  und  zum
Vertrauen  auf  die  von  ihnen  geplanten  Reformen  ermahnen,  möglicherweise
  auch  bewaffnetes  Einschreiten  des  Königs  gegen  die  Revolution  androhen.
  Eine  Konzession  an  die  Liberalen  sollten  sie  also  gewiß  nicht  sein.

Eine  eigene  Außerung  des  Königs  vom  12.  März  besitzen  wir  nicht.  Wir
hören  nur,  daß  Bodelschwingh  einen  neuen  Vortrag  im  Sinne  seiner  alten
Forderungen  hielt,  deren  Erfüllung  zur  Rettung  Preußens  und  Deutschlands
  nötig  sei;  ob  der  König  sich  zustimmend,  ausweichend  oder  ablehnend
dazu  geäußert  hat,  erfahren  wir  nicht.1

Vom  13.  März  liegen  uns  zwei  einander  ergänzende  Oepeschen  von
Canitz  an  die  Gesandten  in  München  und  Stuttgart  vor.:  Sie  halten  ebenfalls
  durchaus  an  dem  bisherigen  Programm  fest.  Der  Parlamentsgedanke,
für  den  die  beiden  größten  süddeutschen  Regierungen  sich  ja  bereits  ausgesprochen
  hatten,  wird  nicht  unbedingt  zurückgewiesen,  aber  es  wird  betont,
daß  er  vor  seiner  Ausführung  von  den  Regierungen  geprüft  und  zu  diesem
Zwecke  auf  dem  geplanten  Kongreß  genau  beraten  werden  müsse.  Dann
werde  sich  zeigen,  was  daran  ausführbar  sei.  Caniß  legt  Wert  darauf,  zu
betonen,  es  solle  auf  dem  Kongreß  völlig  freie  Diskussion  herrschen,  keine
Möglichkeit  von  vornherein  ausgeschlossen  sein;  offenbar  lag  ihm  daran,
die  süddeutschen  Staaten  zunächst  einmal  zur  Beschickung  der  Versammlung
zu  bringen.  Aber  darüber  kann  meines  Erachtens  bei  Beachtung  aller  seiner
bisherigen  Außerungen  kein  Zweifel  sein,  daß  sein  Ziel  blieb,  dort  den  schon
von  der  Revolution  überrannten  Regierungen  den  Rücken  wieder  zu  stärken,
sie  vom  Bunde  mit  den  Liberalen  zu  lösen  und  sie  zu  überzeugen,  daß  eine
Volksvertretung  für  Deutschland  nur  auf  ständischer  Grundlage  möglich
sei,  und  erst  zu  einem  späteren  JZeitpunkte,  nachdem  die  Regierungen  über
die  einzuführenden  Reformen  völlig  einig  geworden  seien,  berufen  werden
dürfe.  Gerade  deshalb  will  er  auch  die  weitere  Beratung  der  Reformfragen
dem  Bundestage  entzlehen,  der  sich  schon  viel  zu  sehr  ins  populäre  Fahrwasser
  hat  kreiben  lassen.  In  einer  vertraulichen  Jusatzdepesche  an  den

1  Bodelschwingh  an  den  König,  17.  (ulcht  15.)  März  bel  Diest  49f.  Dazu  Koser  66f.
Ich  kann  nicht  mit  Koser  aus  dlesem  Briefe  folgern,  daß  der  König  das  Programm  Bodelschwinghe
  damals  pringlplell  gebilligt  babe.  Wenn  Bodelschwingh  sagt,  er  habe  am  12.  den
Könlg  auf  die  Notwendigkelt  sener  Maßregeln  „aufmerksam  gemacht“,  und  fortfährt:  „Ich
babe  seitdem  dlese  Notwendigkeit  drelfach  erkann!“,  so  würde  ich  daraus  eher  schließen,  daß
er  damals  den  Könlg  nicht  überjeugt  halte  und  deshalb  nun  mit  neuen  Erfahrungen  und
Argumenten  anrückte.

*Nachfahl,  Hist.  Vosschr.  6,  soyf.  u.  d#1