Frühjahrs-Session 1871. 27
mißfallen. Dazu kam eine Interpellation wegen Einschränkung des
Petitionsrechts der Postsekretäre durch Strafversetzungen der
Petenten.
Da hielt es denn Fürst Bismarck an der Zeit, der für die
Mehrheit ausschlaggebenden nationalliberalen Partei einmal in der
schon früher im Norddeutschen Reichstag mit Erfolg erprobten Art
den Standpunkt klar zu machen. Dazu wurde von ihm ausersehen
der Gesetzentwurf über die Vereinigung von Elsaß-Lothringen
mit dem deutschen Reich, bei welchem sich mit Leichtigkeit „nationale
Fragen“ als Trümpfe ausspielen ließen. Der Gesetzentwurf bezweckte
unter anderem, dem Kaiser in Gemeinschaft mit dem Bundesrat
die Diktaturgewalt über die Reichslande bis zum 1. Januar 1873
zu übertragen. Auf Antrag von Lasker und v. Stauffenberg hatte
der Reichstag in den Gesetzentwurf eine Klausel aufgenommen, wonach
die Aufnahme von Anleihen und Garantieen auch während
der Zeit der Diktatur an die Zustimmung des Reichstags gebunden
sein sollte. Der Antrag war praktisch nahezu bedeutungslos; thatsächlich
ist auch meines Wissens in den nachfolgenden Jahren der
Diktatur eine Anleihe oder Garantieerklärung in den Reichslanden
nicht in Frage gekommen. Unsere Fraktionsmitglieder hatten deshalb
nach Ablehnung weitergehender Amendements in der Kommission
es nicht einmal der Mühe wert erachtet, dafür die Hand
zu erheben. So war dort das Amendement gefallen. Andererseits
hatte Minister Delbrück in der Kommission sich nicht allzusehr gegen
das Amendement erklärt. ·
So wurde das Amendement denn in aller Unschuld im Plenum
wieder aufgenommen und angenommen. An dieses unschuldige
Amendement knüpfte der Zorneserguß des Fürsten Bismarck
an, um den Nationalliberalen bemerkbar zu machen, daß er sich
die Laskersche „Heckenscheere“, wie er es später bezeichnet hat, gegenüber
seinen Entwürfen nicht gefallen lasse, insbesondere nicht im
Sinne konstitutioneller Beschränkung. Auch im ersten ordentlichen
Norddeutschen Reichstag im Herbst 1867 hatte Fürst
Bismarck in derselben Weise gegen die Nationalliberalen demonstriert.
Damals ließ er in den Kriegshäfen die Schiffe abtakeln und die
Bauten einstellen, als unter Führung Miquels der Reichstag dem
Marine-Anleihegesetz eine Klausel eingefügt hatte, welche dem Reichstag
ein Klagerecht vor den Gerichten im Falle gesetzwidriger
Verwendung der Anleihe gewährte. Die Nationalliberalen gaben
darauf diesen ersten Ansatz zu einer praktischen Einführung der
Kanzlerverantwortlichkeit preis.