— 1888 —
bedingte lateinische Sprache in ziemlicher Vollkommenheit inne. Er las den
Cäsar und den Ovid, und war des Französischen, welches damals schon Verkehrssprache
der Höfe zu werden begann, in Schrift und Rede vollkommen
mächtig. Er hatte eine gute Grundlage in der Mathematik, in der Geschichtsund
Kriegswissenschaft gelegt. Auch waren die körperlichen Uebungen bei ihm
nicht vernachlässigt, denn er hatte Unterricht im Reiten, Tanzen, Fechten, Ringelrennen,
Ballschlagen, Schießen, und auch noch in den Fuß-Turnier-Uebungen,
was jetzt Turnen und Voltigiren genannt wird.
Ehe wir den Kurprinzen an seinen neuen Bestimmungsort begleiten, müssen
wir der Versuche auf sein Leben gedenken, welche in Küstrin stattgefunden haben
sollen. Was wir darüber wissen, rührt von dem großen Kurfürsten selbst her,
welcher in späteren Jahren dem brandenburgischen Historiographen Schokius
erzählte, sein Kammerdiener habe, als er etwa zehn Jahre alt gewesen, in
Küstrin einen Menschen mit einem langen Dolche unter seinem Bette gefunden
und ihn vor dem Morde bewahrt. Allein es ist kaum denkbar, daß ein solcher
Borfall, hätte er sich wirklich zugetragen, nicht größere Aufregung hervorgebracht
und scharfe Untersuchung veranlaßt haben würde. Es mag mit dieser Geschichte
gegangen sein wie mit so manchen Erzählungen, die mehr auf Vermuthungen
als wirkliche Thatsachen begründet, nach und nach mit immer größerer Gewißheit
erzählt und zuletzt unbedingt geglaubt werden. Wenigstens so viel scheint
aus dieser Erzählung so wie aus späteren über ähnliche Nachstellungen hervorzugehen,
daß Friedrich Wilhelm an hinterlistige Absichten von Seiten des Grafen
von Schwarzenberg geglaubt hat.
Der Aufenthalt in Holland war für den Kurprinzen von den wesentlichsten
Folgen. In den vereinigten Staaten lernte er ein Volk kennen, welches
nicht nur seine Selbstständigkeit stets mit kühnem Heldenmuthe vertheidigt, sondern
sogar das eigene Land unter tausend Mühen dem unbezwingbaren Ocean
abgetrotzt hatte. Seine Existenz schon war das Ergebniß einer unausgesetzten,
gewissenhaften Thätigkeit, die ihre ganze Kraft, fernab von allem eitlen Glanze,
auf die Förderung der Cultur des geistigen und physischen Lebens verwendete.
Er sah hier in glücklichster Mischung unablässigen Eifer für Gewerbe und Handel
mit kühnem Sinn für Spekulation gepaart, und wenn es die Noth erheischte,
einen unerschütterlichen kriegerischen Muth, dessen Ausdauer auch unter den unglücklichsten
Verhältnissen die Anstrengungen der mächtigsten Völker und größten
Feldherrn zu Schanden machte. Hier mochte der junge Fürst durch Anschauungdes
Großen, was aus dem Nichts entstanden, zu dem Gedanken an das, was
mit den bis dahin noch so wenig benutzten Mitteln zu schaffen war, kommen,
wenigstens ist es offenbar, daß ihm bei seinen späteren Landesmeliorationen
und anderen Unternehmungen in Bezug auf Nationalwirthschaft stets Holland
am meisten vor Augen geschwebt hat.
Selbst die Marine und das Colonialwesen des unermüdlichen Volkes hatte
er nicht ohne Absicht der Anwendung für seine eigenen Küstenstaaten beobachtet.