218 Pflege der Schönheit.
Nur was den Lippen, die mit feinen Empfindungsnerven versehen,
daher äußerst feinfühlig sind, angenehm ist, soll in die Mundhöhle gelangen;
rauchende Speisen, welche auf den Lippen brennen, sollen niemals eingeführt
werden; wenn viele Frauen sagen, auch hier spiele Gewohnheit mit, sie
betrachten „die Empfindlichkeit gegen heiß und kalt als etwas übertriebenes
und überflüssiges“, so verweisen wir nur auf die viel natürlichere Tierwelt,
die weniger an schlechten Gewohnheiten leidet als die Menschheit. Auch der
hungrige Hund rührt die rauchende Schüssel nicht an und macht die komischsten
Abwehrbewegungen, wenn ihn seine Gier dennoch veranlaßt, die Schnauze in
die heiße Flüssigkeit zu stecken. Er ist noch nicht abgestumpft wie der Mensch,
seine Schleimhäute besitzen noch die natürliche Empfindlichkeit. Wenn daher
Frauen sagen, sie empfänden heiße Speisen nicht als unangenehm, so sind
diese nicht stärker als andere, sondern sie sind durch lange Gewohnheit abgestumpft
und durch Mangel an Beobachtung ohne Urteil über sich selbst.
Gerade solche erkranken in reiferen Jahren oft an „unbegreiflichen“ Krankheiten,
die kein Arzt mehr heilen kann. Jede Art von Abstumpfung stellt
einen gefährlichen Zustand dar; denn sie ist gleichbedeutend mit dem Ein—
schlafen der Wächter vor dem Hause, welche aufgestellt sind, um das Ein—
dringen des Feindes zu verhüten. Die natürliche Empfindlichkeit gewisser
Organe ist also eine Schutzeinrichtung, die wir nicht abschaffen, nicht verunglimpfen
dürfen, sondern sorgsam erhalten müssen.
Übler Mundgeruch kann aber auch bei gesunder Mundhöhle und guter
Reinigung bestehen; dann kommt er aus dem Magen herauf, entweder bei
Verdauungsstörungen oder nervösen Vorgängen, die häufig zu abnormer
Stoffbildung führen. Bei Übermüdung, bei Gemütsaufregung, bei Schlaflosigkeit
bekommen viele Menschen Mundgeruch, die ihn sonst nicht haben.
Dann müssen sie etwas genießen, das die Magentätigkeit anregt, um die
Erzeugung der geruchbildenden Stoffe aufzuhalten, z. B. etwas schwarzen
Rettig, Zitronenwasser, Apfelsinen, warmen chinesischen Tee, oder sie müssen
einige Wachholderbeeren kauen. Am meisten wirken anregende und aromatische
Nahrungs= und Genußmittel. Auch eine Mundspülung mit einem
stark und angenehm riechenden Mundwasser wirkt vorübergehend. Dann bekämpfe
man aber auch die Ursache des lästigen Zustandes, die Magenschwäche,
die allgemeine Reizbarkeit, die Schlaflosigkeit.
Eine besondere Lippenpflege ist nicht notwendig. Gesunde und gut
ernährte Menschen haben gut gefärbte und mit gesunder Haut bedeckte Lippen.
Stellen sich Sprünge und „Schrunden“ ein, so muß man die Lippen zuerst
sehr rein halten, indem man ihre Berührung mit heißen und reizenden Speisen
verhütet (Essig, Salz, Bier usw.), dann badet man sie nach jeder Mahlzeit
in warmem Wasser und fettet sie darnach mit Mandelöl ein. Dieselbe
Behandlung erfordern auch die sogenannten „Faulecken“". Personen mit
empfindlicher Haut, auch phlegmatische, die gegen viele Dinge des Lebens