Volltext : Erinnerungen an die Kriegsjahre im Königlich Preußischen Kriegsministerium. Erster Band. Der Weg zur Revolution 1914-1918. (1)

Flaue  Stimmung  37

könne.  Und  das  nannte  man  in  diesen  Amtern  Hebung  des  Siegeswillens!


Tatsächlich  spaltete,  da  es  an  einer  klaren  Stellungnahme  der
Regierung  fehlte,  die  Freigabe  der  Erörterung  der  Kriegsziele  das  Volk
in  mehrere  Teile:  die  einen  traten,  unter  Abweisung  einer  kleiner  Gruppe
von  Extremisien,  für  Erweiterung  der  Grenzen  nach  strategisch-wirtschaftlichen
  Gesichtspunkten,  für  kolonialen  Landerwerb  und  Zahlung
einer  Kriegsentschädigung  ein,  die  anderen  verwarfen  beides  und  verlangten
  nur  den  ungeschmälerten  Besitzstand  vor  dem  Kriege,  unter
Verzicht  auf  jede  Form  der  Kriegsentschädigung.  „Jedes  Volk  trage
seine  eigene  Last““  rief  Scheidemann  aus  und  legte  damit  den
Standpunkt  seiner  Partei  und  der  von  ihr  beherrschten  Mitläufer  aus
dem  freisinnigen  und  Zentrumslager  fest.1)

Zwischen  diesen  beiden  Gruppen  befand  sich  die  leider  zahlreichste
Partei  der  Gleichgültigen,  die  mißmutig  auf  die  kleinen  und  großen
Lasten  des  Daseins  schalten,  und  deren  Interessen  jetzt  nicht  mehr  über
den  eigenen  Sorgenkreis  hinausgingen.

Uber  allem  aber  thronte  die  Regierung.  Sie  nahm  weder  für  rechts
noch  links  Partei.  Allerdings  gab  sie  durch  ihr  Verhalten  oft  Gelegenheit,
  anzunehmen,  sie  stehe  mit  ihren  Sympathien  auf  der  Seite  der
Verzichtler.  „Freiheit  der  Meere“,  „Selbstbestimmung  der  Völker“,
das  waren  „Ziele“,  bei  denen  sich  so  hübsch  viel  oder  wenig  denken
ließ,  die  vor  allem  zu  keiner  geraden  Linie  im  eigenen  Handeln  verpflichteten.?)
  Aber  glaubte  man  wirklich,  daß  das  Volk  auf  die  Dauer
die  ungeheueren  Gut=  und  Blutopfer  auf  sich  nehmen  würde,  wenn  ihm
als  Siegespreis  derart  unwirkliche  Dinge  hingestellt  wurden?

Angstlich  vermied  die  Regierung  nur  eins:  Mit  wuchtigen  Worten
dem  Volke  zuzurufen,  was  in  diesem  Kampfe  auf  dem  Spiele  stand,
immer  erneut  es  zu  sammeln,  aufzurichten,  die  Lauen  anzufeuern,  ihnen

1)  Auch  in  der  Sozialdemokratie  war  man  nicht  immer  einmütig  in  der  Ablehnung
  von  Annerionen  gewesen.  Um  die  Wende  1915/16  bezeichnete  z.  B.  der
Abg.  Dr.  Lensch  den  Gedanken,  daß  man  durch  völligen  Verzicht  auf  Annexionen
neuen  Kriegen  vorbeuge,  als  „kleinbürgerliche  Manscherei“  und  bedauerte,  daß  1871
nicht  Belfort  annektiert  worden  sei.  Abg.  Cohen-Reuß  meinte,  wenn  militärische
Sachverständige  die  Narewlinie  forderten,  könne  man  sich  dem  nicht  widersetzen.

*)  Das  „Weltgewissen“  des  Prinzen  Mar  von  Baden  war  damals  noch  nicht
erfunden.