Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 4. (4)

164  Trennung  der  Schleswigschen  von  der  Holsteinschen  Frage.

Wenn  in  der  Depesche  Lord  Russells  auf  eine  Trennung  der  Schleswigschen  von  der
Holsteinschen  Frage  hingewiesen  wird  und  der  europäische  Charakter  der  ersteren  hervorgehoben:
  so  wird,  wer  mit  einiger  Aufmerksamkeit  den  Gang  der  Angelegenheit  seit  1858.
verfolgt,  sich  leicht  überzeugen,  daß  sowohl  der  Deutsche  Bund  wie  die  beiden  deutschen
Großmächte  nicht  allein  den  verschiedenen  Charakter  dieser  beiden  Fragen  nie  aus  den
Augen  verloren,  sondern  zugleich  bemüht  gewesen  sind,  dieselben,  soweit  es  die  Natur  der
Sache  erlaubte,  und  selbst  mehr,  als  eine  starke  öffentliche  Meinung  in  Deutschland  billigte,
auseinander  zu  halten.

Wie  die  Holsteinsche  Frage  und  die  Beziehungen  des  Bundes  zu  seinem  Mitgliede,
dem  Herzoge  von  Holstein  und  Lauenburg,  irgendjemals  einen  internationalen  Charakter
annehmen  könnten,  ist  nicht  einzusehen.  Diese  Behauptung,  welche  am  Schluß  der  zuletzt
am  Bunde  abgegebenen  Erklärung  des  Königlich  Dänischen  Herzoglich  Holstein-Lauenburgischen
  Gesandten  angedeutet  ist,  kann  der  Bund  nur  auf  das  entschiedenste  zurückweisen.
  Wenn  die  Königlich  Dänische  Regierung  dieselbe  aus  dem  Umstande  ableiten
will,  daß  die  Bundesbeschlüsse  auf  Berhandlungen  aus  dem  Jahre  1851/52  Bezug
nehmen,  so  vergißt  sie  dabei,  daß  diese  Verbandlungen  internationaler  Art  nur  insoweit
waren,  als  sie  Schleswig  betrafen;  insofern  sie  aber  sich  auf  Holstein  bezogen,  nicht
Verhandlungen  mit  dem  König  von  Dänemark,  sondern  mit  dem  Herzog  von  Holstein  und
Lauenburg  waren,  und  die  Bedingungen  feststellten,  unter  welchen  einem  Bundesgliede  die
eigene  Verwaltung  der  aus  bundesrechtlichen  Gründen  vom  Bunde  okkupierten  Bundesgebiete
  zurückegegeben  werden  sollte.

Die  Holsteinsche  Frage  und  die  auf  dieselbe  sich  beziehenden  Maßregeln  des.  Bundes
können  als  eine  rein  innere  Frage  daher  unter  keinen  Umständen  Veranlassung  mu  einer
europäischen  Behandlung  geben.

Die  Schleswigsche  Frage,  wenngleich  sie  internationaler  Art  ist,  kann  im  gegenwärtigen
  Augenblick,  wo  der  Deutsche  Bund  sich  seine  Rechte  lediglich  vorbehalten  bat,
ebensowenig  dazu  Veranlassung  geben.  Daß  wir  sowohl  wie  der  Bund  einer  friedlichen
Verständigung  darüber  nicht  abgeneigt  sind,  baben  wir  schon  dadurch  bewiesen,  daß  wir
die  im  vorigen  September  von  Lord  Russell  gemachten  Vermittlungsvorschläge  angenommen
  haben,  während  Dänemark  sie  verwarf.  —  Gegenwärtig  ist  die  Schleswigsche
Frage  eine  einfach  zwischen  dem  Deutschen  Bunde  und  dem  König  von  Dänemark  zu  erledigende.



Wenn  die  jetzt  ausgesprochene  Weigerung  des  Herzogs  von  Holstein,  dem  Bundesbeschlusse
  vom  9.  Juli  d.  J.  durch  Zurücknahme  der  Verordnung  vom  30.  April  Genüge
  zu  leisten,  nach  den  Bundesgesetzen  zu  einer  Exekution  führt,  so  begründet  sich  diese
lediglich  auf  bundesrechtliche  innere  Verhältnisse;  und  es  ist  nicht  abzusehen,  wie  dieselbe
zu  weiteren  Verwicklungen  führen  könne,  wenn  Dänemark  ihr  nicht  unberechtigter  Weise
einen  Charakter  aufprägt,  den  sie  der  Natur  der  Sache  nach  nicht  haben  kann.  Dann
aber  trägt  Dänemark  die  Schuld  der  Verwicklungen.  Wenn  ein  Krieg  daraus  entsteht,
so  wird  es  ein  Angriffskrieg  Dänemarks  gegen  den  Deutschen  Bund  sein.

In  der  Hand  Dänemarks  also  liegt  es,  die  weiteren  Verwicklungen  zu  vermeiden
und  den  europäischen  Frieden  nicht  zu  stören.  Ew.  pp.  wollen  Lord  Russell  wiederholt
darauf  aufmerksam  machen,  daß  diese  Angelegenheit  nicht  zwischen  Preußen  u)nd)  Dänemark,
  sondern  zwischen  dem  Deutschen  Bunde  u)nd)  dem  Herzoge  von  Holstein  resp.  dem
Könige  von  Dänemark  als  Herz)og)  von  Schleswig  schwebt,  u)nd]  daß  wir  desbalb  nicht

1  Wohl  verschrieben  für:  30.  März.