Full text : Das deutsche Ordensland Preußen.

heiten“  des  Ordens  zeigen  uns  noch  heute,  wie  hoch  hier  die
Kunst,  Menschen  zu  beherrschen  und  zu  benutzen,  ausgebildet
war.  Ein  begebener  Mensch  war  geworden,  wer  die  drei  Ge—
luͤbde  der  Armut,  der  Keuschheit  und  des  Gehorsams  geschworen,
„so  die  Grundfeste  sind  eines  jeglichen  geistlichen  Lebens,“  und
dafuͤr  von  dem  Orden  empfangen  hatte  ein  Schwert,  ein  Stuͤck
Brot  und  ein  altes  Kleid.  Ihm  war  verboten,  seines  Hauses
Wappen  zu  fuͤhren,  zu  herbergen  bei  den  Weltlichen,  zu  verkehren
in  den  uͤppigen  Staͤdten,  allein  auszureiten,  Briefe  zu  lesen  und
zu  schreiben.  Viermal  in  der  Nacht  wurden  die  Bruͤder,  wenn
sie  halb  bekleidet  mit  dem  Schwerte  zur  Seite  schliefen,  von  der
Glocke  zu  den  „Gezeiten“  gerufen,  viermal  zu  den  Gebeten  des
Tagamts;  an  jedem  Freitag  unterlagen  sie  der  moͤnchischen
Kasteiung,  der  Juste.  Wem  der  Orden  ein  Amt  befiehlt,  zu
Riga  oder  zu  Venedig,  uͤbernimmt  es  unweigerlich  und  legt  es
nieder  am  naͤchsten  Kreuzerhoͤhungstage  vor  dem  Kapitel  seiner
Provinz;  seine  Rechnungen  bewahrt  das  Archiv.  Ist  einer  in
Schuld  verfallen,  so  tagt  das  geheime  Kapitel,  das  mit  einer
Messe  beginnt  und  mit  Gebet  endigt,  und  verweist  den  Schuldigen
an  den  Tisch  der  Knechte  oder  laͤßt  die  Juste  an  ihm  vollziehen,
denn  „nachdem  die  Schuld  ist,  soll  man  die  Schlaͤge  messen.“
Doch  darf  der  Meister  Milde  uͤben,  der  in  der  einen  Hand  die
Rute  der  Zuͤchtigung  fuͤhrt,  in  der  anderen  den  Stab  des  Mitleids.
  Nur  die  „allerschwerste  Schuld“—  die  Fahnenflucht,  den
Verkehr  mit  Heiden  und  die  „vormeinsamten  Sünden“  der
Sodomie  —  kann  auch  des  Meisters  Gnade  nicht  fühnen;  sie
geht  dem  Sünder  an  sein  Krenz,  er  hat  den  Orden  verloren
ewiglich.  Noch  über  das  Grab  hinaus  verfolgt  der  Orden  die  ungetreuen
  Brüder.  Wird  in  dem  Nachlasse  eines  deutschen  Herrn
mehr  gefunden  als  jene  kümmerliche  Habe,  die  das  Gesetz  erlaubt,
  so  verscharrt  man  die  Leiche  auf  dem  Felde.  Derselben
mönchischen  Zucht  unterlagen  auch  die  zahlreichen  nicht-ritterlichen
  Ordensbrüder,  die  das  schwarze  Kreuz  auf  grauem  Mantel

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