Der Bundestag nicht das letzte Wort der preußischen Politik. Flottensache. 99
stand gegen jede lebendigere Entwickelung der Bundesverfassung und jede Kräftigung der
Bundesgewalt. Das Terrain des Bundestages wäre seiner Meinung nach, seit die
Unionspolitik einmal zutage getreten sei, ein für Preußen entschieden ungünstiges, und es
läge in unserem Interesse ebensowohl wie in unserer Macht, einstweilen jedes schärfere Anziehen
der Zügel der Zentralgewalt Deutschlands zu hindern. Ich kann nicht leugnen,
daß ich diese Ansicht insoweit teile, als ich nicht glaube, daß der Bundestag in seiner
jetzigen Gestaltung das letzte Wort unserer Politik sein könne, vielmehr sehe ich in demselben
nur eine Schale, innerhalb welcher sich das, was in der Unionspolitik an gesunden
und praktischen Elementen lag, auszubilden hat, und welche von selbst abfällt, wenn der
Kern reif ist. Solange aber die Unsicherheit der jetzigen politischen Lage gegenüber der
Revolution ein enges Zusammengehen mit Österreich, und vorausgesetzt, daß die österreichische
Politik nicht aggressiv gegen uns verfährt, eine Vertagung der zwischen beiden
Staaten unvermeidlich vorhandenen Streitfragen gebietet, dürfte es allerdings durch die
Notwendigkeit gegeben sein, solche Pläne, welche den Bestand des Bündnisses mit Österreich
gefährden, nicht ostensibel zutage treten zu lassen. Indessen können wir m. u. E. an
letzterem System nur dann festhalten, wenn Österreich eine ebenso rücksichtsvolle Haltung uns
gegenüber in allen Punkten bewahrt. Geschieht dies nicht, so würde ich, insoweit es mir
vergönnt wäre, meine Ansicht über diesen Punkt bei E. E. geltend zu machen, mich lediglic-
von der m. E. unbestreitbaren Tatsache leiten lassen, daß das Kaiserliche Kabinett des
preußischen Bündnisses in der nächsten Zukunft in höherem Grade und mit mehr Wahrscheinlichkeit
bedürfen wird, als wir des österreichischen.
68. Bericht an Minister v. Manteuffel.
[Ausfertigung.]
l9. November 1851.
Bemerkungen zu dem Entwurfe eines Ausschußberichtes in der Flotten-Angelegenheit).
.. Den Gedanken einer allgemeinen Norddeutschen, eventuell Zollvereins-Flotte²)
unter einer vom Bunde getrennten Verwaltung, bei der Preußen ein
vollständiger Einfluß gesichert werden müßte, halte ich der weiteren Verfolgung durchaus
wert, und vielleicht sogar diese Wendung der Sache die geeignetste zu einer praktischen
Lösung der Flottenfrage. Ich behalte mir vor, E. E. hierüber noch einen ausführlichen
Bericht vorzulegen, ohne zu verkennen, daß die Ausführbarkeit eines derartigen Planes
lediglich von den finanziellen Dispositionen bedingt ist .. ..
Der Ausschußbericht deute darauf hin, daß bis Jahresschluß die Ordnung der ganzen Angelegenheit
wohl nicht werde erfolgen können, und daher für einige Monate des Jahres 1852 wohl noch werde
Vorsorge getroffen werden müssen, durch Geldgewährung in bisheriger Weise, oder durch freiwillige Vorschüsse.
Hierbei mögen die Preußen entgegenstehenden Mitglieder des Ausschusses, wohl
weniger von der Hoffnung auf Willfährigkeit des größten Teiles der Regierungen
zu neuen Geldbewilligungen belebt, als des Umstandes sich bewußt sein, daß, wenn nur
die Vorschußzahlung Preußens auf die Umlage pro 2. Semester 1851 geleistet wird.
alsdann schon in den bis ultimo 1851 bewilligten Geldern noch die Mittel ungefähr
vorhanden sind, Sold und Verpflegung der Bemannung der Nordseeflotte noch etwa
—
¹) Gemeint ist der im Eingang der vorhergehenden Nummer erwähnte Entwurf.
²) Vgl. das Gespräch mit Eisendecher S. 98