Inhaltsverzeichnis : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

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Die  Philosophie  Frieprıcn's  des  Grossen.  4123

dass  sie  auch  den  materiellen  Betrieb  der  Wissenschaften  eigenthümlich
  zu  begrenzen  und  zu  beschränken  suchten:  gewiss  alles,
was  der  Verstand  erarbeitet,  die  Vernunft  gebilligt  hat,  soll  gelten;
aber  wissenswürdig  ist  eigentlich  nur  das,  was  den  vernünftigmoralischen
  Menschen  belehrt:  alles  Übrige  ist  im  besten  Fall
Vorarbeit,  sind  Gerüste,  die  man  wieder  abbricht.  Auch  in  das
Wesen  der  Erscheinungen  soll  man  nicht  tiefer  eindringen  wollen,
als  der  gemeine  Verstand  zu  folgen  vermag,  und  vollends  sind  alle
paradoxen  Hervorbringungen  einer  produetiven  Phantasie  zu  verbannen.
  Nur  als  »Esprit«  und  als  Waffe  gegen  den  Aberglauben
hat  die  Phantasie  des  Genies  Bürgerrecht  in  der  Wissenschaft,  die
zugleich  Cultur  ist:  sie  soll  ihre  Hervorbringungen  eindrucksvoll
fassen,  blitzend  beleuchten  und  siegreich  vertheidigen.  Durch  »Raison«

  —  klar  und  formvollendet  an  jedem  wissenswürdigen  Object
entwickelt  —  zur  Moral  und  Toleranz:  das  ist  die  Aufgabe  der

Wissenschaft.  So  dachte  der  Monarch,  der  die  Akademie  leitete,
und  in  diesem  Sinne  wollte  er  sie  arheiten  schen'.  Dieses  sein
Ideal  aber  ist  in  Wahrheit  kein  anderes  als  das  Cicero’s,  genauer
bestimmt  durch  die  grossen  Franzosen  des  Zeitalters  Lunwie’s  XIV.
und  —  durch  Vortamke.  Der  König  ist  bei  der  ersten  der  drei
Hervorbringungen  der  französischen  Aufklärung  stehen  geblieben  ;
er  ist  weder  mit  L&  METTRIE  und  DiperorT  zum  Materialismus,  noch
mit  Rousseau  zur  Subjectivität  fortgeschritten,  sondern  er  beharrte
bei  den  älteren  Franzosen  und  bei  VoLTsIıRE.  Neben  ihnen  übte
nur  Bavre  einen  durchschlagenden  Eintluss  auf  ihn  aus.

Aber  auch  VoLTtaırE’s  und  BıvreE’s  Einfluss  darf  man  nicht
überscehätzen.  Jener  entzückte  ihn  durch  den  Geist,  die  Klarheit
und  die  siegreiche  Gewalt  der  Rede,  mit  der  er  die  Schlachten  wider
Aberglauben,  Intoleranz  und  Verfolgungssucht  leitete  und  gewann;
dieser  imponirte  ihm  durch  die  unerschütterliche  Ruhe,  die  kritische
Unparteilichkeit  und  die  skeptische  Zurückhaltung.  Aber  assimilirt
hat  er  sich  beide  doch  nur  so  weit,  als  es  die  antiken  Überlieferungen,
  mit  denen  seine  Scele  verschmolzen  war,  zuliessen.  Er
lernte  von  VOLTAIRE,  dass  NEWToX  der  grösste  Plıysiker  sei.  die
Mechanik  des  Himmels  entdeckt  und  eine  neue  Centralwissenschaft
geschaffen  habe;  er  liess  sich  von  Mauperttis  die  mechanischen

'  Barrornsss,  Histoire  philos.  de  l’Acad.  de  Prusse  T.I  p.247—327:  FREpertc
  Il.  Historien  et  Philosophe.  ZELLER.  Frırprich  der  Grosse  als  Philosoph.  1886
(z.  Th.  vorher  erschienen  in  der  Deutschen  Rundschau  Bd.  44  Heft  ı2:  »FriepricH
der  Grosse  in  seinem  Verhältniss  zu  der  Philosophie  seiner  Zeit  und  der  Vorzeit«).