Volltext : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

Bei  Roßbrunn.  ÜUbergabe  von  Würzburg.  335

Bei  den  Hettstädter  Höfen,  nordöstlich  von  Roßbrunn,  war  die  beiderseitige
  Kavallerie  am  26.  Juli  in  einem  lebhaften  Handgemenge  hart  aneinander
  geraten.  Die  Bayern  brannten  vor  Begier,  die  Scharte  von  Hünfeld
auszuwetzen.  Bei  den  genannten  Höfen  hatten  sich  hinter  einer  starken  Erdwelle
  acht  Schwadronen  preußischer  Husaren  und  Dragoner  gezeigt,  die,  weil
sie  nur  eine  geringe  Feindeszahl  vermuteten,  kühn  vorrückten.  Da,  mit  einem
Male,  taucht  plötzlich  die  ganze  bayrische  Reservereiterei,  zwei  Kürassierregimenter
  und  ein  Regiment  Chevau-legers,  gefolgt  von  Ulanen,  wie  aus
dem  Boden  gewachsen  auf,  sprengt  gegen  die  überraschten  preußischen  Reiter
los  und  übt  „Vergeltung  für  Hünfeld".  Gleichwohl  war  und  blieb  dieser
Zwischenfall  nur  ein  bedeutungsloser  Erfolg,  denn  die  Bayern  mußten  ihren
Rückzug  dennoch  weiter  fortsetzen.  Ohne  Verlust  an  Geschütz  und  Troß  erreichten
  sie  das  linke  Mainufer.  1

Tags  darauf  rückte  die  Mainarmee  auf  der  ganzen  Linie  gegen  Würzburg
  vor.  Die  feindliche  Hauptmacht  war  bis  auf  etwa  zwei  Meilen  zurückgegangen
  und  stand  bei  Kitzingen,  das  Bundeskorps  bei  Rottendorf.

Der  Oberbefehlshaber  der  preußischen  Mainarmee  richtete  nun  sein
Augenmerk  auf  das  befestigte  Würzburg.  Die  erst  wenige  Tage  zuvor  von
den  Bundestruppen  auf  dem  Nilkolausberge  begonnenen  Feldschanzen  wurden
am  27.  so  hergerichtet,  daß  sie  die  preußischen  Geschütze  gegen  die  aus  der
Marienburg  heransausenden  schweren  Geschosse  decken  konnten.  Bald  war
die  gesamte  preußische  Artillerie  aufgestellt,  freilich  nur  Feldgeschütze.  Die
Preußen,  einmal  im  Besitze  der  Höhen,  welche  die  Marienburg,  die  Citadelle
von  Würzburg,  beherrschen,  setzten  dieser  nun  arg  zu.  .

Doch  nicht  allein  auf  dem  Nikolausberge  und  der  Marienburg  knallte
und  zischte  es,  auch  die  Kanonen  des  Prinzen  Alexander  von  Hessen,  welche
aus  dem  in  der  Nähe  befindlichen  Rottendorfer  Feldlager  herbeigeschafft
worden  waren,  stimmten  in  die  Kriegsmusik  mit  ein.  Die  Aufregung  der
Bürger  von  Würzburg  erreichte  unter  solchen  Umständen  den  höchsten  Grad,
zumal  als  sich  einige  Granaten  mitten  in  die  Stadt  verirrten,  Dächer  und
Wände  durchschlugen  und  große  Eisenstücke  nach  allen  Richtungen  hin  schleuderten.
  Da  verbreitete  sich  plötzlich  der  Schreckensruf:  „Die  Marienburg
brennt!“  Drohend  senkte  sich  eine  schwarze  Rauchwolke  aus  dem  alten
Festungsbau  nach  den  preußischen  Batterien,  die  das  Arsenal  in  Brand  geschossen
  hatten,  dann  zog  sie  zur  Stadt  hin,  gleichsam  als  wolle  sie  diese  auf
ihr  Los  vorbereiten.  Das  Feuer  hätte  schlimme  Folgen  haben  können,  wenn
es  nicht  gelungen  wäre,  die  in  großen  Haufen  aufgestapelten,  mit  Pulver
gefüllten  Sprenggeschosse  und  die  Gewehrpatronen  in  Sicherheit  zu  bringen.
So  vermochte  man  zum  Glück  des  Verderben  drohenden  Elementes  bald  Herr
zu  werden.  .

Ubergabe  von  würzburg.  Doch  auch  die  Kriegsfackel  war  dem  Erlöschen
nahe.  Würzburg  wurde  am  2.  August  den  Preußen  überliefert,  nachdem  ein
bayrischer  Parlamentär  dahin  die  freudige  Botschaft  überbracht  hatte,  daß
zwischen  Preußen  und  Bayern  eine  Waffenruhe  verabredet  sei,  welcher  zum
Heil  für  ganz  Deutschland  bald  der  Friede  folgte.