Full text : Deutsche Weltpolitik 1890-1912.

3.  ENTENTENETZ.  HAAGER  FRIEDENSKONFERENZ.  157

den  in  London  beglaubigten  Botschaftern  sagte,  daß  Großbritannien
  den  Frankreich  gegenüber  eingegangnen  Verpflichtungen
  bis  zum  äußersten  nachkommen  würde,  hatte  er  ganz
geheim  und  ohne  das  Kabinett  zu  fragen  —  nur  der  Premier
Campbell-Bannerman,  der  Schatzkanzler  Asquith  und  der  Kriegsminister
  Haldane  erhielten  Kenntnis  —,  einen  Vorschlag  des
französischen  Botschafters  Paul  Cambon  gutgeheißen,  der  dem
Kolonialabkommen  vom  8.  April  1904  einen  neuen  Charakter
verlieh.  Es  wurde  verabredet,  daß  unter  den  beiderseitigen
Militär-  und  Marinestäben  für  den  Fall  einer  Kriegsgefahr
fortlaufende  Unterhaltungen  gepflogen  werden  sollten.  Grey
hat  dies  selbst  in  seiner  Kriegsrede  vom  3.  August  1914  erzählt,
  es  wurde  aber  in  dem  Lärm  der  ersten  Kriegszeit  zu
wenig  beachtet.

Lord  Loreburn  zweifelt  in  seinem  Buche  nicht  an  der
Ehrlichkeit  der  Versicherung  Greys,  daß  durch  die  mit  Cambon
getroffne  neue  Einrichtung  die  Entschlußfreiheit  Großbritanniens
im  Kriegsfall  nicht  berührt  worden  sei,  tadelt  aber  scharf,  daß
Grey  die  wahre  Sachlage  verkannt  und  den  Frieden  Englands
tatsächlich  in  die  Hand  Rußlands  gelegt  habe.  Nach  den  militärischen
  Abreden  handelte  es  sich  nicht  mehr  darum,  Frankreich
bei  der  Verfolgung  seiner  marokkanischen  Ansprüche  beizustehen,
  sondern  die  englische  Politik  war  damit  für  jeden  Fall
eines  Krieges  mit  Deutschland  an  Frankreich  gebunden,  mindestens
  moralisch,  denn  der  vertrauliche  Verkehr  der  Generalund
  Admiralstäbe  zweier  Mächte  setzt  eine  unverbrüchliche
politische  Freundschaft  voraus.  Die  geheime  Abmachung  konnte
den  britischen  Staatssekretär  des  Auswärtigen  unter  dem  fortdauernden
  Einfluß  seines  Partners,  des  sehr  klugen  französischen
Botschafters,  leicht  weiter  führen,  als  er  selber  ursprünglich
beabsichtigte,  bis  für  ihn  der  Wallensteinmonolog  im  Drama
Schillers  zur  Wirklichkeit  wurde:

Wär’s  möglich,  könnt’  ich  nicht  mehr,  wie  ich  wollte,
Nicht  mehr  zurück,  wie  mir’s  beliebt?  Ich  müßte
Die  Tat  vollbringen,  weil  ich  sie  gedacht?

Nicht  die  Versuchung  von  mir  wies?