Metadata : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

616  Die  wissenschaftliche  Bedeutung  der  Akademie  (1786-1812).

wird  doch  gestehen  müssen,  dass  diese  »Aufklärung«,  nachdem  sie
ein  Menschenalter  hindurch  ihre  Dienste  gethan  hatte,  zum  Hemmniss
  geworden  war!.  Damit  ist  nicht  behauptet,  dass  sie  nicht  Elemente
  in  sich  besessen  hätte,  in  denen  sie  ihrem  romantischen,  )Ja
ihrem  »klassischen«  Gegner  überlegen  war;  aber  die  Geschichte  piegt
mit.  den  relativen  und  peripherischen  Vorzügen  einer  alten  Denk  weise
wenig  Federlesens  zu  machen,  wenn  sie  einen  Umschwung  der  Dinge
betreibt.  Die  Enkel  mögen  zusehen,  wie  sie  die  Güter  wieder  einbringen,
  welche  ihre  Grossväter  als  unwerth  bei  Seite  werfen  mussten,
um  ihre  neuen  Ideale  durchzusetzen!

Parteiisch  ist  HERTZBERG  bei  seiner  Neubildung  —  niemals  hat
die  Akademie  eine  so  gewaltsame  erlebt,  auch  nicht  174446  —
nicht  verfahren;  auch  WorLLseR  und  der  orthodoxe  SILBERSCHLAG,
auch  die  Halbfranzosen  CastıLon,  AncırLLon  und  ErMAaNn  wurden  aufgenommen;
  aber  jene  bedeuteten  wissenschaftlich  nichts,  und  diese
fügten  sich  auf's  beste  zu  den  Philosophen  der  Akademie,  die  noch
von  Frırnricn's  Zeit  her  sie  bestimmten,  Merıan,  FormEY  und  Be-GUELIN.
  Unter  ihnen  war  MErrıan  der  leitende  und  ist  es  bis  1807,
das  heisst  bis  zu  seinem  Tode,  geblieben.

Merıan’s  Stellung  zu  den  philosophischen  Problemen  ist  oben
(S.4541f.)  kurz  eharakterisirt  worden.  Er  war  mehr  Ewnpirist  als
Rationalist;  aber  auch  die  Jünger  aus  Worrr's  Schule  hatten  in  der
zweiten  Generation  nicht  nur  die  schwerfällige  Rüstung  der  Demonstrirmethode
  abgestreift,  sondern  waren  mit  deın  einen  Fuss

Nun  erst  erfuhr  Deutschland,  was  überall  litterarisch  in  ihm  vorging,  es  lernte
sich  selbst  kennen  und  kam  eben  dadurch  in  nähere  Verbindung  mit  sich  selbst.
Die  Aufgabe  war  nicht  klein  und  damals  ganz  neu,  berühmte  und  achtungswerthe
Männer  in  allen  deutschredenden  Landen  zu  einer  Schrift  zu  vereinigen,  die  hundert
  Meilen  von  ihnen  gedruckt  wurde,  durch  sie  Urtheile  über  die  Werke  ihrer
Gegend  und  Nachrichten  über  den  dortigen  wissenschaftlichen  Zustand  einzuziehen,
die  nur  an  Ort  und  Stelle  richtig  abgefasst  werden  konnten.  Die  wichtige,  heilbringende
  Wirkung  leuchtete  ein,  und  so  erfolzste  mehrere  Decennien  hindurch  der
willige  Beitritt  einer  grossen  Zahl  verdienstvoller  Gelehrten,  um  die  Stimme  einer
unparteiischen  Kritik  laut  werden  zu  lassen  und  eine  freimüthige,  nur  der  Walırheit
  und  Vernunft  huldigende  Denkungsart  an  die  Stelle  befangener,  abergläubischer
Vorurtheile  zu  setzen.  Immer  aber  waren  es  gesetzte  würdige  Männer,  anerkannte
Gelehrte  vom  ersten  Rang,  die  anständig,  wenn  auch  mit  Spott  und  Laune,  redeten;
nicht  jene  Leichtsinnigen,  die,  um  nur  ein  augenblickliches  Aufsehen  zu  bewirken,
sich  eineın  rohen  Kitzel  und  frechen  Ton  überlassen  «.

!  Dass  sie  an  den  »Spuk  in  Tegel«  und  andere  Spukgeschichten  glaubte,
soll  hier  nicht  in  Anschlag  gebracht  werden.  Die  Tegelschen  Gespenster  haben
nicht  bloss  die  naturforschende  Gesellschaft  in  Berlin  beschäftigt,  auch  Akademiker
(Bone.  Merierorro,  Karsten,  Kraprorn  und  ZorLLxer)  haben  die  Vorgänge  föürınlieh
  untersucht.  Sie  kamen  zu  dem  Ergebnisse,  dass  das  Ganze  ein  Unfug  sei.