76 Erstes Buch. Die neue Staatsgründung des Großen Kuriürsten.
festhielt und den Kurfürsten immer wieder zu Geduld und
Langmut mahnte, auch den Schöffenmeister zu bekehren. Aber
ihre Unterredung auf dem Schloß nahm einen sehr unliebsamen
Verlauf: Rohde erging sich in so heftigen Reden, daß Schwerin
anfangs zweifelte, „ob der Mensch sanae memis oder aufs
wenigste von Branntwein erfüllt wäre“. Vergeblich beteuerte
Schwerin des Kurfürsten gute Absichten. Daß er ihn durch
Verheißung von allerlei Vorteilen zu bestimmen suchte, seinen
Einfluß auf die Bürgerschaft für Anerkennung der Souveränetät
geltend zu machen, scheint Rohde als ehrenrührig empfunden
zu haben. Auch nachdem Polen, so meinte er, die Preußen
ihres Eides entlassen, sei die Gültigkeit der Sonveränetät abhängig
von der Anerkennung durch die Stände. Er beschuldigte
die Hohenzollern des Undanks gegen die Slädte, die ihnen zur
Nachfolge in Preußen verholfen hätten; auch seine Vorfahren
hätten den neuen Landesherrn getreulich und mit Auszeichnung
gedient. Aber noch immer, so hielt er dem ob solcher Rede
bestürzten Schwerin vor, gelte das Wort, das, wie die Akten
auf dem Kneiphofschen Rathause answiesen, einst ein preußischer
Edelmann, Herr Otto von der Gröben, gesprochen habe, „es
sei kein Potentat so fromm, er hätte einen Tyrannen im
Busen“. Erregt zählte er all das Unrecht auf, das die Städte
und namentlich Königsberg von dem kurfürstlichen Hause erlitten,
und ihre schwere Mißhandlung durch die gegenwärtige
Regierung: der Kurfürst habe sie erst arm gemacht, nun wolle
er sie zu Sklaven machen. So erweiterte die Unterredung die
Kluft und veranlaßte die Leidenschaften steigernde Streitigkeiten.
Denn nachdem er von Rohdes unbedachten Aeußerungen
einmal amtlich Notiz genommen und dem Kurfürsten berichtet
hatte, konnte Schwerin sie nicht unverfolgt lassen. Würde aber
eine von den berufenen Instanzen dazu die Hand bieten und nicht
vielmehr durch Verweigerung des Einschreitens der Regierung neue
Verlegenheiten bereiten" So trat statt der großen politischen
Prinzipienfrage eine persönliche Angelegenheit in den Brennpunkt
des allgemeinen Interesses, was um so übler war, ald Rohdes
Worten eine gewisse Berechtigung nicht bestritten werden konnte,
und er hur ausgesprochen hatte, was weite RKreise dachten.