Zehntes Kapitel.
Neuwahlen
für das Abgeordnetenhaus.
(7. Oktober 1879.)
Der Rücktritt der Minister Falk, Friedenthal und Hobrecht
hatte zu einer Ergänzung des Ministeriums durch Minister von
unbedingter Abhängigkeit gegenüber dem Reichskanzler geführt.
An Falks Stelle trat der Vetter des Reichskanzlers, Herr v. Puttkamer,
bisher Oberpräfident der Provinz Schlesien; an Friedenthals
Stelle Abg. Dr. Lucius, der sich bisher schon vielfach dem Fürsten
Bismarck durch parlamentarische Dienstleistungen nützlich gemacht
hatte, und an Stelle Hobrechts der Unterstaatssekretär im Ministerium
des Innern, Bitter. Für die Wahl des Letzteren war absolut
kein Grund ersichtlich. In finanziellen Fragen war Herr
Bitter niemals hervorgetreten, ebensowenig sonst politisch und
parlamentarisch. Außerhalb des Bureaudienstes pflegte sich Herr
Bitter der Musik zu widmen. In seinen privaten Vermögensverhältnissen
war der neue Minister bedenklich zerrüttet. Abgesehen
von letzterem Umstand erschien es allerdings gleichgültig, wer zur
Zeit Finanzminister wurde; denn thatsächlich war Fürst Bismarck
auch sein eigener Finanzminister in Preußen.
Minister Falk hatte, wie mitgeteilt, den Fürsten Bismarck auch
noch bei seiner Verabschiedung zu decken gesucht. Unmittelbar vor
den, im Herbst 1879 nach Ablauf der dreijährigen Wahlperiode
bevorstehenden Neuwahlen für das Abgeordnetenhaus aber fühlte
Falk sich doch verpflichtet, in der Offentlichkeit vor seinem Nachfolger
v. Puttkamer ausdrücklich zu warnen. Die „Deutsche Revue“ veröffentlichte
am 2. September ein Schreiben Falks, in welchem
derselbe schrieb: Fürst Bismarck geht sicher nicht nach Canossa,
wenn er es vermeiden kann, und er vermag ja viel zu vermeiden.
Das Schlimmste zu den bevorstehenden Wahlen muß Wahrheit