Vor der Entscheidungsstunde 255
scher Politik. Sollten diese erreicht werden, so durfte die ungeschickte,
vielleicht auch von Fremden beeinflußte Neugierde
der Opposition sich nicht weiter als Hemmnis geltend machen.
„In der auswärtigen Politik“, so sagte Bismarck am 3. Februar,
„gibt es Momente, die nicht wieder kommen.“ Diese
durfte er nicht verpassen, wie der Liberalismus es leider tat
durch seine unleidliche Verranntheit Virchowscher Art, die schon
so viel unserm politischen Leben geschadet hat. „Die Zeit befiehlts,
ihr sind wir untertan“ war Bismarcks Grundsatz. Wer
einen Meisterschuß tun will, kann Auge und Hand nicht beirren
lassen durch eine unruhige Umgebung, welche nicht in der Ziel—
linie steht und das Ziel nicht klar vor sich sieht.
Und im Anfang des Jahres 1866 war die Zeit erfüllt, die
so günstig kaum wiederkehren konnte. »
Im Jannar stand die Sache zum Bruch mit Osterreich. Bismarck
hielt deshalb Ausschau nach Bundesgenossen für den Krieg.
Am 13. erging ein Schreiben an den preußischen Gesandten in
Florenz Usedom: die österreichischen Umtriebe in Holstein gäben
den natürlichen Beziehungen Preußens zu Stalien freien Raum;
der Zeitpunkt der Krisis sei nahe gerückt; ein durchgreifendes
Vorgehen Preußens in der deutschen Frage stehe bevor. Die
Haltung Frankreichs werde voraussichtlich nicht feindselig sein;
sei es doch der Fall, so biete das um so mehr Anlaß, sich auf
die tiefe nationale Basis zurückzuziehen und die dort vorhandenen
Kräfte Preußens zu sammeln. Am 20. Januar erhielt
der preußische Gesandte in Wien, Werther, ein Schreiben von
Bismarck, in welchem gefordert wurde, Osterreich solle in den
Herzogtümern gemeinsame Rechte nicht verletzen und revolutionäre
Bestrebungen nicht unterstützen. Von Wien erfolgte eine
ruhige und selbstbewußte Ablehnung. Inzwischen hatte eine
Versammlung in Altona stattgefunden, in welcher an die viertausend
Menschen dem Augustenburger geradezu eine Huldigung
unter Ausfällen gegen die preußische Regierung dargebracht
hatten. Das veranlaßte eine neue warnende Note nach Wien:
Jetzt sei das Verhalten des Wiener Kabinetts geradezu aggressio;
werde das nicht anders, so müsse Preußen für seine