Volltext : Große deutsche Aufsatzschule für den Schul- und Selbstunterricht.

—  325  —

Die  Entdeckung  Amerikas  und  ihre  JFolgen.

Zu  den  bedeutendsten  Ereignissen  des  Mittelalters  gehört  die
Entdeckung  Amerikas.  Wir  verdanken  sie  dem  kühnen  Seefahrer
Christoph  Kolumbus.  Dieser  war  als  der  Sohn  eines  Gastwirts
und  Wollwebers  1447  in  Genua  geboren,  widmete  sich  anfänglich
dem  Gewerbe  seines  Vaters  und  ging  dann  nach  Portugal,  um
Seemann  zu  werden.  In  Lissabon  verheiratete  er  sich  mit  der
Tochter  eines  tüchtigen  Seemanns.  Durch  diese  Heirat  kamen
mancherlei  seemännische  Gegenstände  und  Karten  in  seine  Hände,
deren  Studium  ihn  zu  der  Uberzeugung  brachte,  daß  sich  gegen
Westen  ein  kürzerer  Weg  nach  Indien  finden  lassen  müsse,  als  der
bisher  übliche.  Mancherlei  Erscheinungen  bestärkten  ihn  in  seiner
Meinung.  Portugiesische  Seefahrer  hatten  zuweilen  seltenes  Rohr,
künstlich  gearbeitetes  Holz,  ja  einmal  sogar  zwei  Leichname  von
besonderer  Farbe  und  Gesichtsbildung  von  Westen  her  übers  Meer
schwimmen  sehen.  Dieses  Land  nun,  das  er  damals  mit  Asien
zusammenhängend  dachte,  auf  dem  geradesten  Wege  westlich  fahrend
aufzusuchen,  war  der  feurigste  Wunsch  seiner  Seele,  den  er  jedoch,
ohne  von  einer  Regierung  unterstützt  zu  werden,  nicht  zur  Ausführung
bringen  konnte.  Nachdem  er  sich  vergeblich  an  seine  Vaterstadt
Genua  und  an  den  König  von  Portugal  gewandt  hatte,  ging  er
nach  Spanien  und  teilte  seinen  Plan  dem  Könige  Ferdinand  und
der  Königin  Isabella  mit.  Nach  acht  langen  und  bangen  Jahren
fand  er  hier  endlich  Unterstützung.  Die  Königin  Isabella  gab  ihm
drei  kleine  Schiffe,  mit  denen  er  die  wichtigste  Seereise  antrat,  die
je  unternommen  ward.

Am  3.  August  1492  verließ  der  kühne  Mann  mit  drei  Fahrzeugen
  und  120  Gefährten  den  Hafen  von  Palos  und  fuhr  getrost
in  die  unendliche,  noch  nie  befahrene  Wasserwüste.  Nach  einer
mühevollen  Meerfahrt  von  71  Tagen,  während  welcher  die  Matrofen
oft  verzagten,  landeten  sie  am  12.  Oktober  endlich  auf  einem
lieblich  grünenden  Eiland.  Mit  der  Fahne  in  der  einen  Hand
und  dem  Degen  in  der  andern  sprang  Kolumbus  zuerst  ans
Land  unter  die  erstaunten  Insulaner,  die  sich  am  Ufer  versammelt
und  nie  solche  Menschen,  solche  Schiffe  gesehen  hatten.  Sie  zeigten
durch  ihre  Gebärden,  daß  sie  die  Spanier  für  höhere,  vom  Himmel
gekommene  Wesen  hielten.  Sie  felbst  erregten  bei  den  Spaniern
nicht  geringeres  Erstaunen.  Sie  waren  nackt,  pon  einer  rötlichen
Kupferfarbe;  viele  trugen  zum  Zierate  Goldbleche  in  Nase  und
Ohren.  Sie  riefen:  „Guanahani!“  was  man  für  den  Namen  der