58 Jaes Venutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Febr. 25./5. März.)
daß diese Exzesse aus demselben terroristischen Geist hervorgegangen sind.
Ich hoffe, meine Herren, daß die Anhänger der bestehenden Ordnung der
Dinge — die „Ordnungslümmel“, wie sie die sozialdemokratische Presse
geschmackvoll nennt (Große Heiterkeit) —, solchen Exzessen fest und mutig
die Stirn bieten werden! Ich erwarte, daß die Behörden ihre Schuldigkeit
tun, und daß sie die öffentliche Ordnung und die Freiheit der Bürger
gegenüber sozialdemokratischem Terrorismus mit Energie schützen werden!
(Lebhaftes Bravo! rechts und bei den Liberalen. Unruhe bei den Sozialdemokraten.)
Meine Herren, die Niederlage der Sozialdemokratie war
ferner wohlverdient, weil sie die Strafe war für die von ihr geführte öde
Verneinungs= und Nörgelpolitik. Der Herr Abg. Bebel hat sich heute bemüht,
auf eine Reihe von Fällen hinzuweisen, aus denen das Gegenteil
hervorgehen soll. Herr Bebel berief sich aber im wesentlichen doch nur auf
Anregungen, die von der Sozialdemokratie ausgegangen waren. Ja, weshalb
diese Anregungen? Sie waren darauf zurückzuführen, daß die Sozialdemokratie
auch damit die Erregung von Unzufriedenheit betrieb, indem
sie Forderungen aufstellte, die in diesem Umfange niemand erfüllen kann,
indem sie Wünsche erweckte, die völlig zu befriedigen niemandem gegeben
ist. Wenn aber dann die verbündeten Regierungen aus solchen phantastischen
oder perfiden Forderungen und Wünschen einen vernünftigen, gesunden,
realisierbaren Kern herausschälten, so hat die Sozialdemokratie
fast immer dagegen gestimmt, sich fast regelmäßig dagegen erklärt. Die
Sozialdemokratie war ja von Anfang an mehr auf die Kritik, auf das
Negative als auf das Positive angelegt; Sie erinnern sich, wie ich Ihnen
einmal in diesem Hause gesagt habe: Kritik 1a, positive Leistungen 5b
(Heiterkeit), aber dieser kritische Zug hatte sich namentlich bei den Führern
der Sozialdemokratie gerade in den letzten Jahren immer mehr herausgebildet
und verstärkt. Besonders seit dem Dresdener Parteitage, seit dem
Bad in dem Jungbrunnen des Herrn Abg. Bebel (Heiterkeit), seit dem damals
erfolgten Untertauchen der Revisionisten durch den Herrn Abg. Bebel,
trat es deutlich zutage. Gewiß, es hat eine Zeit gegeben, da konnten Hoffnungen,
ernsthafte Hoffnungen auf den Revisionismus gesetzt werden. Ich
selbst bin vielleicht von solchen Hoffnungen nicht ganz frei gewesen. (Bewegung.)
Aber da kam der Tag von Dresden, da kam der große Kotau
der Revisionisten, da klappte der Revisionismus zusammen wie ein Taschenmesser
(Heiterkeit), da war es aus mit dem Revisionismus. Denn in der
Politik ist die Buße nicht ganz so preiswürdig wie in der Moral, da hat
der verlorene Sohn, der sich, reumütig dem Vater als Tagelöhner anbietet,
etwas beinahe Komisches; da ist es mit der bloßen Unterwürfigkeit nicht
getan, mit dem Verleugnen seiner eigentlichen inneren Absichten und Hoffnungen,
wenn der gewisse rote Hahn kräht. Herr Kautsky und Herr Mehring
haben doch recht behalten, wenn sie von Anfang an sagten, die Prinzipien
des Revisionismus besäßen die Festigkeit eines Kartenhauses, die Revisionisten
seien halb Eklektiker, halb Skeptiker, mit solchen Leuten komme
man von nichts durch nichts zu nichts. (Heiterkeit.) Nun wird mir allerdings
von Zeit zu Zeit gesagt, der Revisionismus stelle sich nur so, als
ob er tot wäre. In einem für die Revisionisten freundlichen Artikel habe
ich gelesen, der Revisionismus verfolge eine sehr schlaue Taktik, die in
diesem Artikel die Wanzentaktik genannt wird. (Heiterkeit.) Wie dieses
interessante Tierchen stelle sich der Revisionismus nur so, als ob er tot
wäre, er würde aber plötzlich erwachen und alle Welt durch seine Lebensfähigkeit
überraschen. Meine Herren, ich glaube nicht recht an diese Wanzentaktik.
(Heiterkeit.) Ich glaube auch nicht, daß der Herr Abg. Bebel, wie
das der frühere Abg. Bernstein einem ausländischen Journalisten in Aus-