206 Vortrag des Lyrischen.
Laß mich weinen,
An deinem Herzen heiße Thränen weinen,
Du einz'ger Freund! Ich habe niemand, niemand,
Auf dieser großen weiten Erde niemand!
So weit das Zepter meines Vaters reicht,
So weit die Schiffahrt unfre Flaggen sendet,
Ist keine Stelle, keinc, keine, wo
Ich meiner Thränen mich entlasten darf, als diese! —
Zu der Mutter will ich dich tragen,
Eine unbeglückende Last.
Diese Cypresse laßt uns zerschlagen
Mit der mörd'rischen Schneide der Agt,
Eine Bahre zu flechten aus ihren Zweigen!
Nimmer soll sie Lebendiges zeugen,
Die die tödliche Frucht getragen,
Nimmer in fröhlichem Wuchs sich erheben,
Keinem Wandrer mehr Schatten geben.
Die sich genährt auf des Mordes Boden
Soll verflucht sein zum Dienst der Toten.
Durch die Straßen der Städte
Vom Jammer gefolgt
Schreitet das Unglück !
Lauernd unschleicht es
Die Häuser der Menschen,
Heute an dieser
Pforte pocht es,
Morgen an jener,
Aber noch keinen hat es verschont.
Die unerwünschte
Schmerzliche Botschaft
Früher oder später
Bestellt es an jeder
Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt. —
Unglücklichster, was nun? Wen, wen bejammr' ich
Zuerst? Ach bei mir selbst muß ich beginnen.
In welche Schlingen hat das Schicksal mich
Verstrickt! Ein Dämon listiger als ich
Vernichtet alle meine Vorsicht. Auch nicht
Einmal weinen darf ich!
Es ist unköniglich zu weinen, ach
Und hier nicht weinen ist unväterlich! —