Full text : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

206  Vortrag  des  Lyrischen.

Laß  mich  weinen,

An  deinem  Herzen  heiße  Thränen  weinen,

Du  einz'ger  Freund!  Ich  habe  niemand,  niemand,

Auf  dieser  großen  weiten  Erde  niemand!

So  weit  das  Zepter  meines  Vaters  reicht,

So  weit  die  Schiffahrt  unfre  Flaggen  sendet,

Ist  keine  Stelle,  keinc,  keine,  wo

Ich  meiner  Thränen  mich  entlasten  darf,  als  diese!  —
Zu  der  Mutter  will  ich  dich  tragen,

Eine  unbeglückende  Last.

Diese  Cypresse  laßt  uns  zerschlagen

Mit  der  mörd'rischen  Schneide  der  Agt,

Eine  Bahre  zu  flechten  aus  ihren  Zweigen!

Nimmer  soll  sie  Lebendiges  zeugen,

Die  die  tödliche  Frucht  getragen,

Nimmer  in  fröhlichem  Wuchs  sich  erheben,

Keinem  Wandrer  mehr  Schatten  geben.

Die  sich  genährt  auf  des  Mordes  Boden

Soll  verflucht  sein  zum  Dienst  der  Toten.
Durch  die  Straßen  der  Städte

Vom  Jammer  gefolgt

Schreitet  das  Unglück  !

Lauernd  unschleicht  es

Die  Häuser  der  Menschen,

Heute  an  dieser

Pforte  pocht  es,

Morgen  an  jener,

Aber  noch  keinen  hat  es  verschont.

Die  unerwünschte

Schmerzliche  Botschaft

Früher  oder  später

Bestellt  es  an  jeder

Schwelle,  wo  ein  Lebendiger  wohnt.  —
Unglücklichster,  was  nun?  Wen,  wen  bejammr'  ich

Zuerst?  Ach  bei  mir  selbst  muß  ich  beginnen.

In  welche  Schlingen  hat  das  Schicksal  mich

Verstrickt!  Ein  Dämon  listiger  als  ich

Vernichtet  alle  meine  Vorsicht.  Auch  nicht

Einmal  weinen  darf  ich!

Es  ist  unköniglich  zu  weinen,  ach

Und  hier  nicht  weinen  ist  unväterlich!  —