22. September Achtes Kapitel 227
hat und braucht, hinausdrängen zu wollen. Aber freilich, das geht über
den Horizont auch der höhern Kreise des höfischen Dienstpersonals.
Beim Essen war Graf Lehndorff zugegen, und es gab eine
lebhafte Unterhaltung. Als von der Besteckung des alten Fritz vor den
Linden mit schwarz-rot-gelben Fahnen die Rede war, mißbilligte der
Minister, daß Wurmbt# die Aufrührung des Streits über die Farben
zugelassen habe. „Wenn Wurmb — so bemerkte er — gestattet
hat, daß der dumme Zank über die Farben wieder aufgerührt wird,
so zeigt das seine Unfähigkeit von neuem. Er ist jetzt in meiner
Achtung um zwei Stockwerke weiter gefallen. Für mich — sagte
er ferner — ist die Sache abgemacht, seit die norddeutsche Fahne
einmal angenommen ist. Sonst ist mir das Farbenspiel ganz einerlei.
Meinethalben grün und gelb und Tanzvergnügen, oder auch die
Fahne von Mecklenburg-Strelitz. Nur will der preußische Troupier
nichts von schwarz-rot-gelb wissen“ — was ihm, wenn man sich
an die Berliner Märztage und an das Erkennungszeichen der Gegner
im Mainfeldzuge von 1866 erinnert, von Billigdenkenden nicht übel
genommen werden wird.
Der Chef sprach hierauf davon, daß der Friede noch fern sei,
und fügte hinzu: „Wenn sie nach Orleans gehn, so folgen wir
ihnen nach, und wenn sie noch weiter gehn, bis ans Meer.“ Er
las alsdann die eingelaufnen Telegramme vor, darunter die Liste
der in Paris befindlichen Truppen. „Es sollen zusammen 180000
Mann sein — sagte er —, es sind aber kaum 60000 wirkliche
Soldaten darunter. Die Mobilgarden und die Nationalgardisten
mit ihren Tabatieren? sind nicht zu rechnen.“
Dann klagte er, nachdem Bohlen ihn benachrichtigt hatte, daß
er Waldersee, der uns drei Flaschen Sekt gestiftet hat, auf den
nächsten Tag eingeladen habe, mit uns zusammen zu essen, wieder
über ungenügende Beköstigung bei Hofe, woran er die Bemerkung
knüpfte, die Herren vom Büreau äßen alle zu wenig.
Das Gespräch drehte sich hiernach eine Weile um Gegenstände
der Tafel, wobei man unter anderm vom Minister hörte, daß
Alexander von Humboldt, der ideale Mensch unfrer Demokratie,
„ein ungeheurer Esser“ gewesen, der bei Hofe „ganze Berge von
1 Polizeipräsident zu Berlin.
2 Nämlich den sogenannten Tabatieregewehren.
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