Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

Großbritannien.  (April  23.  25.)  217

Nach  kurzer  Debatte  wird  mit  183  gegen  123  Stimmen  der  Vorschlag
  betr.  die  Einführung  des  Zuckerzolles  und  mit  171  gegen  127  Stimmen
der  Vorschlag  betr.  die  Erhöhung  des  Kohlenzolles  angenommen.

April.  Kohlenproduzenten  und  Händler  protestieren  gegen
den  Ausfuhrzoll,  Fabrikanten  begrüßen  ihn  sympathisch.  —  Am
29.  April  erklärt  eine  Deputation  von  Bergleuten  dem  Schatzkanzler,
  daß  die  Arbeiterschaft  unter  dem  Sinken  der  Kohlenpreise
leiden  müssse.

23.  April.  Das  Unterhaus  genehmigt  mit  363  gegen
88  Stimmen  die  neue  Einkommensteuer.

April.  Mai.  In  Malta  kommt  es  zu  lebhaften  Kundgebungen
  gegen  die  Regierung,  weil  sie  Versuche  macht,  die  italienische
  Sprache  durch  die  englische  zu  verdrängen.

25.  April.  Jahresbericht  über  den  Rekrutierungsdienst.

Als  Gesamtresultat  ergibt  sich,  daß  das  Rekrutierungssystem  als
solches  teilweise  ganz  versagt  und  jedenfalls  mit  Rücksicht  auf  die  Kriegsbegeisterung
  im  Anfang  des  Jahres  nicht  entfernt  die  Resultate  ergab,
welche  die  leitenden  Militärkreise  darauf  gesetzt  hatten.  Die  Streitkräfte
des  englischen  Heeres  bestanden  am  1.  Januar  1899  offiziell  aus  300000
Mann  regulärer  Truppen,  einschließlich  der  ersten  Reserveklasse,  aus  103000
Mann  Miliz,  9500  Yeomanry  und  230000  Freiwilligen.  Am  1.  Januar
1901  war  die  reguläre  Armee  um  110000  Mann  stärker,  die  Miliz  um
10000  Mann  zurückgegangen,  die  YDeomanry  stationär  geblieben,  und  die
Freiwilligen  ihrerseits  zeigten  einen  Zuwachs  von  47000  Mann.  Der
größte  Teil  des  Mehrbestandes  der  regulären  Armee  wurde  durch  Uebertritt
  von  Miliz,  Meomanry  und  Freiwilligen  in  das  stehende  Heer  erzielt.
Die  Gesamtzahl  der  im  Jahre  1900  ausgehobenen  Rekruten  (soweit  der
Bericht  sie  als  „regulär"  aufführt)  betrug  98000,  die  sich  aus  24000  alten
Reservisten,  d.  h.  ausgedienten  Soldaten,  welche  für  eine  weitere  Bezahlung
von  22  Pfd.  Sterl.  (440  Mark)  sich  für  die  Kriegsdauer  anwerben  ließen,
24000  Yeomanry,  welche  sich  gleichfalls  nur  durch  eine  hohe  Prämie  und
besondere  Vergünstigungen  zum  Eintritt  in  das  stehende  Heer  und  ebenfalls
  nur  für  eine  bestimmte  kurze  Zeit  bewegen  ließen,  und  nur  aus
19000  eigentlichen  Rekruten.  Wenn  man  gegen  diese  49000  Rekruten  des
Kriegsjahres  die  Ziffer  des  vorangegangenen  Friedensjahres  1899  hält,
welches  nicht  weniger  als  42000  Rekruten  anwerben  sah,  so  ergibt  sich,
daß  trotz  der  „Kriegsbegeisterung“  im  Jahre  1900  nur  7000  Rekruten
mehr  das  Handgeld  des  Werbesergenten  annahmen,  d.  h.  kaum  15  Proz.
Richtig  ist,  daß  eine  gute  Anzahl  von  Leuten  freiwillig  in  die  Yeomanry
traten  und  zwar  mit  dem  ausgesprochenen  Zweck,  auf  diesem  Wege  die
höhere  Prämie  zu  erhalten,  die  ihnen  bei  der  einfachen  Anwerbung  für
die  reguläre  Armee  nicht  zugefallen  wäre.  Dem  gegenüber  steht  aber  die
ausgleichende  Thatsache,  daß  auch  dem  gewöhnlichen  Rekruten  ganz  besondere
  finanzielle  und  sonstige  Vorteile  geboten  wurden.  Eine  nähere
Betrachtung  der  gesamten  Rekrutierung  zeigt  aber  ein  weit  ungünstigeres
Bild.  Die  besten  Rekruten  meldeten  sich  bei  Kavallerie  und  Artillerie.
Die  Infanterie  gewann  thatsächlich  in  dem  Kriegsjahre  1900  noch  weniger
Rekruten  als  im  Friedensjahre  1899.  Und  da  in  der  Armee  die  Infanterie
die  Hauptrolle  spielt  (wenigstens  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen),  so  ist