Kurfürst Friedrich Wilhelm in Gefangenschaft. 265
ankommen konnte, wurde indessen erreicht. Auf beiden Seiten war tapfer gestritten
worden. Auch König Georg hatte der Schlacht beigewohnt, wenn er
auch als blinder Mann in die Führung des Kampfes nicht selbständig eingreisen
konnte.
Die letzte Stunde der hannöverschen Armee. Wo aber waren die Bayern
geblieben? Weshalb waren sie nicht vorgebrochen und hatten den bedrängten
Hannoveranern die Hand gereicht? Der Grund dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen
Unterlassung lag darin, daß die Bayern ihre Bundesgenossen
aus dem Welfenlande in siegreichem Vordringen nach dem Süden wähnten.
Daß nur ein Zusammenstoß von unwesentlicher Bedeutung stattgefunden, daß
keineswegs die ganze Armee des Generals von Manteuffel eine Schlappe
erlitten hatte, wie das Gerücht aufs bestimmteste versicherte — dies gelangte
erst zur Kenntnis der Bayern, als bereits die letzte Stunde für die hannöversche
Armee geschlagen hatte.
Während die Gegner fortfuhren, sich trügerischen Hoffnungen hinzugeben,
hatte General von Manteuffel die Hannoveraner völlig umstellt. Jetzt erst
wurden den bisherigen Siegern die Bewegungen der preußischen Heerführer
klar — nun begriffen sie, zu welchem Zweck die preußische Vorhut unter General
von Flies den bedenklichen Angriff unternommen hatte. Die Hannoveraner,
rettungslos verloren, sahen sich am 29. Juni genötigt, zu kapitulieren. Dem
Könige wurde freigestellt, seinen Aufenthalt außerhalb Hannovers nach Belieben
zu wählen; seine Armee ward entwaffnet und mit allen Ehren nach der
Heimat entlassen.
Der in der Proklamation Manteuffels enthaltene Ausspruch: „Die
Sicherheit Preußens erfordert es, daß im Rücken seiner Armee keine Feinde
bleiben!“ war hierdurch zur Wahrheit geworden.
Kurfürst Friedrich Wilhelm in Grfangenschoft. Auch dem Kurfürsten
Friedrich Wilhelm von Hessen war kurz vor dem Einmarsch des „Feindes“
in das kurhessische Landesgebiet noch eine letzte Mahnung durch den preußischen
Gesandten zugegangen. Der Kurfürst wies aber alle Anerbietungen mit Heftigkeit
zurück, indem er drohend hinzufügte: „Einer halben Million Preußen
werde sich eine Million Osterreicher entgegenwerfen.“ Sein eignes Leben
im Kampfe gegen den verhaßten Feind irgend welcher Gefährdung auszusetzen,
zeigte jedoch der Kurfürst durchaus keine Lust. Seine in übelster Beschaffenheit
befindlichen Truppen traten eilig den Marsch auf Frankfurt a. M. an,
um sich daselbst mit der in Bildung begriffenen Bundesarmee zum Kampfe
gegen Preußen zu vereinigen.
Der Kurfürst harrte inzwischen, als ob gar keine Gefahr im Verzuge
stehe, auf dem Schlosse Wilhelmshöhe der kommenden Dinge. Rascher als der
bethörte Mann geglaubt, pochte jedoch General von Beyer an die Pforte der
Zufluchtsstätte des Hessenfürsten. Als dem Uberraschten die Ankündigung
zuging, daß er seinen Aufenthalt bis auf weiteres in einem der Schlösser des
Königs von Preußen zu Stettin oder Königsberg i. Pr. zu nehmen habe, ent-