296 -Geheimtelegramm
des Botschafters in Madrid.
19. Juni/2. Juli 1917. Nr. 190.
Die gegenwärtige Schwierigkeit der spanischen Regierung ist von zweierlei
Art: 1. In der Armee. Bei den Spezialtruppen bestelien schon längst. Ofüzierskomitees,
die inoffiziell sind, mit denen die Regierung aber rechnet; diese
Kumitees habe keine politischen Aufgaben, verteidigen aber korporative Intere:sen.
Die Krisis hat begonnen, als die Infanterieoffiziere ebensolche Komitees
für sich forderten. Es finden Unterhandlungen statt, die streng geheim gehalten
werden. 2. Im Lande. Die Militärkrise erweckte in der Arbeiterpartei Hoffnumg
auf Verwirklichung ihrer sozialen und materiellen Wünsche. Wieder und
in verstärktem Maße spricht man von einem allgemeinen Ausstand oder
wenigstens von einem Ausstand aller Eisenbahnarbeiter. Die Meinung erfahrener
Leute geht dahin, daß, wenn die Militärkrise günstig gelöst wird, eine
politische Krise nicht eintreten wird. Im gegenteiligen Fall aber kann man die
ernstesten Ereignisse erwarten. Die Lage wird dadurch kompliziert, daß die
liberale Partei, die vom König unterstützt wurde und ihn unterstützte, durch
die gegenwärtige Lage mitbetroffen ist und sich gewissermaßen von einer Einwirkung
zurückgezogen hat. Die Gründe hierfür bestehen darin, daß in Spanien,
wie übrigens auch allenthalhen, die riesige Mehrheit des Volkes den
wahren Demokratismus nur in der ernsten Arbeit sieht, soziale Aufgaben zu
lösen. Die spanischen Liberalen, mit Einschluß der Republikaner, jedoch
halien den Kampf mit dem Klerikalismus und der Reaktion immer noch für die
einzige Grundlage ihrer Tätigkeit. Inzwischen ist die Reaktion aber ganz
stili geworden, der Klerikalismus jedoch kann täglich neue unerwartete Formen
annehmen. Eine ausländische Hand ist in den Ereignissen nicht zu schen,
außer in Karcelona, wo 40 000 Anarchisten, französische Deserteure und allerlei
anderes Gesindel geradezu von dem Gelde lebt, das von deutschen Agenten
verteilt wird. Daher droht auch aus Barcelona die größte Gefahr im Zusammenhang
mit dem immer möglichen Bestreben der Deutschen, auf dem Wege
annrchistischer und terroristischer Anschläge der aristokratischen Reaktion. die
sich die ganze Zeit hindurch nach Berlin umschaut, einen wenn auch nur zeitweiligen
Sieg zu verschaffen.
gez. Nekljudow.
Geheimtelegramm des Botschafters in Madrid.
83. Juni/6. Juli 1917. Nr. 194.
Ich nehme Bezug auf mein Telegramın Nr. 190.
Der Bewegung unter den Soldaten wird hier keine besondere Bedeutung
beigelegt. Fürs erste haben sich nur >Juntas der Sergeanten« gebildet, d. h.
inoffizielle Verbände der Unteroffiziere. Die Regierung ist in diesen Tageu deu
Wünschen der Soldaten entgegengekommen und hat ihren Sold erhöht und ihre
Verptlesung verbessert. Um der Unzufriedenheit unter den Offizieren nnd
Generälen zu stenern. hat der König eine Verfügung erlassen, wonach die