Full text : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

Volkssitte.  839

und  weiter  dann  z.  B.:  „der  Hanns  hat  dem  Seppi  die  Gais  gestohlen“,
wozu  dann  der  versammelte  Haufe  dreimal  ruft:  „Hole  sie“,  d.  h.  der  Angeklagte
  soll  die  ihm  zum  Schimpf  geworfne  Scheibe  holen.  Jedenfalls  verbindet
  sich  mit  diesem  Gebrauch  ein  altheidnischer  Glaube:  man  verbrennt
am  gleichen  Tage  die  „Strohhexe“,  das  „alte  Weib“,  „des  Winters  Großmutter",
  und  man  nimmt  die  Brandreste  von  dieser  Strohfigur  wie  von  den
Scheiben  aus  dem  Feuer  und  trägt  sie  nach  Hause,  um  sie  in  derselben  Nacht
in  den  Flachsacker  zu  stecken,  wodurch  das  Ungeziefer  verscheucht  wird  —
eine  deutliche  Hinweisung  auf  ein  Bittopferfest  zu  Anfang  des  Frühjahrs.
Anderwärts  sind  die  Reliquien  von  christlichen  Heiligen  an  die  Stelle  dieser
heidnischen  Segensinstrumente  getreten:  so  in  der  Umgegend  von  Füssen  der
Pilgerstab  des  heiligen  Magnus  (Manguall,  St.  Mang),  dessen  Fest  als
des  Patrons  des  ganzen  Allgäus  am  6.  September  feierlich  begangen  wird.
Am  Pfingstdienstag  aber  findet  ein  eigner  Umgang  um  die  Feldmarkung  von
Füssen  statt,  wobei  „der  St.  Mangenstab“  mitgetragen  wird,  der  als  besonders
  wirksam  gegen  alles  Ungeziefer  in  Aeckern,  Wiesen  und  Weinbergen
eines  ausgebreiteten  Rufes  genießt,  so  daß  früher  der  Custos  des  Füssener
Klosters  mit  diesem  Stab  Reisen  zum  Felrsegnen  in  entlegne  Gegenden,  besonders
  ins  Etschland  unternahm,  bei  welchen  die  eingegangenen  Opfer  zu
den  ergiebigsten  Einkünften  des  Stiftes  gehörten.

Neben  dem  Scheibentreiben  wird  auch  hier  wie  in  Oberbayern  an
manchen  Orten  das  „Feuerjucken",  Über  das  Feuer-Springen  geübt  und  wenn
die  paar  Dutzend  erwachsenen  und  halberwachsenen  Burschen  rothbrennende
Kienfackeln  schwingend  im  großen  Ringe  die  Feuer  umspringen,  so  ist  dieß
aus  der  Ferne  im  Dämmerdunkel  gesehen  ein  eigenthümlich  phantastisches
Schauspiel.  An  der  obern  Donau,  im  Ulmer  Ried  und  rechts  des  Stromes
wurde  der  Pfingstlritt  des  Wasservogels  bis  vor  Kurzem  in  ganz  ähnlicher
Weise  wie  am  untern  Lech  und  in  Oberbayern  gehalten;  früher  ritten  die
Pfingstbuben  nach  Augsburg  hinein  und  durch  die  Straßen  der  Stadt.  Die
dabei  üblichen  Heischesprüche  lauten:

Pfingste,  Pfingste  ist  komme,

Freun  sich  Alte  und  Junge

Fischle  im  Wasser,

Bube  auf  der  frein  Gasse,

Will  uns  der  Bauer  Pfingste  verbiethe,
Wölle  mer  ihm  kein  Roß  mehr  hüte,
Wölle  mir  ihm  kein  Korn  mehr  schneide,
Wölle  mir  Bube  nach  Friedberg  reite,
Nach  Friedberg  auf  das  hohe  Schloß
Reite  mir  Bube  die  beste  Roß  2c.

Anderwärts  z.  B.  an  der  Kamlach  in  den  Gerichten  Krumbach  und
Burgau  entschied  bis  auf  unfre  Tage  ein  Wettritt  unter  den  Pfingstbuben,