— 116 —
In Frankfurt a. M. hat ein impfgegnerischer Arzt einen vierjährigen Erstimpfling wegen Vereiterung
der Impfwunden in dem Geschäftszimmer einer Tageszeitung vorgestellt. Die Mutter des Impflings
hatte, da die Heilung der Impfwunden sich verzögerte, diesen Arzt zugezogen, der Umschläge von
Kamillentee anwandte, ein Mittel, das eher geeignet war, die Eiterung zu vermehren als sie aufzuheben.
Der Impfarzt hat die Vermutung ausgesprochen, daß durch die unzweckmäßige Behandlung die entzündliche
Reaktion der Impfstelle vermehrt und die Heilung ungünstig beeinflußt worden sei.
Aus Bayern haben von solchen Fällen berichtet die Amtsärzte von Altötting (Oberbayern),
Arnstorf, Viechtach (Niederbayern), Waldmohr, Kaiserslautern, Ludwigshafen (Pfalz),
Kipfenberg, Heidenheim, Schweinfurt (Mittelfranken) und Ebern (Unterfranken). In allen
diesen 10 Amtsbezirken handelte es sich immer nur um vereinzelte Fälle, an denen die
Wiederimpflinge in gleichem Grade wie die Erstimpflinge beteiligt waren. Eine Art Geschwürsbildung
scheint auch bei je einem Erstimpfling der Amtsbezirke Moosburg (Oberbayern)
und Hemau (Oberpfalz) vorgelegen zu haben. Bei dem ersteren, der besonders
schwächlich war, sollen nach Versicherungen seiner Mutter mehrere Monate vergangen sein,
bis die Impfstelle völlig geheilt war; der letztere zeigte noch 3 Monate nach der Impfung
an zwei Impfstellen umschriebene Granulationen in der Höhe einer kleinen Erbse. Im Amtsbezirke
Thurnau (Oberfranken) waren die Pusteln eines unreinlich gehaltenen und schlecht
beaufsichtigten Mädchens bei der Nachschau aufgekratzt, und nicht nur die Imgpfstelle selbst,
sondern auch die dazwischen liegende Haut mit einem grauweißen kruppähnlichen Belag
bedeckt. Das Allgemeinbefinden des Kindes war dabei nicht gestört. Im Königreich
Sachsen kam Verschwärung der Impfpusteln 9 mal vor, in Württemberg 4 mal, in Mecklenburg-Schwerin
und in Sachsen-Weimar je einmal, in Hamburg 5 mal, im Ober-Elsaß und
in Lothringen in ganz vereinzelten Fällen. Diese krankhafte Beschaffenheit der Impfstellen
war nicht selten von Schwellungen der Achseldrüsen begleitet, welche sich mit der Besserung
der örtlichen Erscheinungen durchweg schnell wieder zurückbildeten. Die Entstehung der
Infektion war meist auf schlechte Körperpflege zurückzuführen, z. B. Aufkratzen der Impfpusteln
mit schmutzigen Fingernägeln. In einem Falle hatte die Mutter des Impflings
Citronensaft und Kartoffelmehl auf die entzündeten Impfstellen gebracht. Durch geeignete
Maßnahmen reinigten sich die geschwürig entarteten Pusteln und kamen teils in kurzer
Zeit, teils nach Ablauf von mehreren Wochen ausnahmslos zur vollkommenen Heilung.
Außer den unter den Todesfällen verzeichneten Fällen von Blutvergiftung ist in
Mecklenburg-Schwerin eine solche Erkrankung, die jedoch in Genesung überging, bei einem
Erstimpfling beobachtet worden.
Von Hautausschlägen sind akute Ekzeme im Anschluß an die Impfung in verschiedenen
Impfbezirken beobachtet worden. In Friedrichsberg (Kr. Niederbarnim, Reg.-Bez.
Potsdam) sind 2 erstmalig geimpfte Geschwister nach Abstoßung der Borken der Impfpusteln
an einem derartigen Ausschlage erkrankt. Durch Wundinfektion ist es bei dem einen
Kinde zur Bildung eines kleinen Abszesses gekommen. Für die Annahme einer Impfschädigung,
die von Impfgegnern 1) behauptet wurde, fehlt hier der zeitliche Zusammenhang.
In Bayern wurden Ekzem= und herpesähnliche Hautausschläge in der Umgebung der Impfstelle
manchmal auf besonders reizbarer Haut beobachtet, so in 2 Fällen von dem Impfarzte
von Kötzting (Niederbayern), dann mehrmals von dem Impfarzte von Neumarkt
(Oberbayern) und in einem Falle, bei dem die Körperpflege sehr viel zu wünschen übrig
ließ, von dem Amtsarzte von Hemau (Oberpfalz). In Chemnitz (Kreish. Zwickau) ist bei
einem 2 Jahre alten Erstimpfling nach Ermittelung des beamteten Arztes selbständig und
unabhängig von der Impfung ein Ekzem am Rücken, Unterarm und Hinterkopf aufgetreten.
1) Vgl. „Der Impfgegner“ 1900, S. 69.