Karlingische Zeit. 141
Eisen zu tragen, wird es geglüht und auf zwei Steine
gelegt. Der Mann hat aber zuvor einen Span in seinen
Aermel verborgen, welchen er unvermerkt in seine Hand
gleiten läßt, als er hinzutritt, das glühende Eisen aufhebt
und unter Betheuerung seiner Treue sechs Schritte
weit trägt. Dann schiebt er den Span wieder heimlich
in den Aermel zurück und zeigt seine unversehrte Hand.
Die Frau ist zufriedengestellt, aber der Mann fordert sofort
von ihr dieselbe Beweisleistung. Sie meint nun zwar,
er sei ja wohl ohnehin überzeugt, daß er ihr lieber als
Leib und Leben. Er jedoch besteht auf der Probe und
macht das Eisen wieder glühend. Nun bittet sie, er
möchte Nachsicht mit der weiblichen Schwäche haben und
ihr den einen Mann, mit welchem sie außer ihm zu thun
gehabt, verzeihen. Das sagt er zu, besteht aber doch auf
der Feuerprobe. Darauf bittet sie noch um zwei Männer,
und als auch diese zugestanden werden, verspricht sie dem
Gatten drei Pfund heimlich von ihr verwahrten Geldes,
falls er ihr noch weitere drei Männer zulasse. Er gewährt
auch dieses, bedroht sie aber mit dem Tode, so sie
noch weitere Ausflüchte suche. Sie muß also zu der
Probe schreiten und nimmt das heiße Eisen zur Hand,
verbrennt sich aber so jämmerlich, daß sie es schreiend
fallen läßt. Klüger stellte sich an und glücklicher bestand
die Feuerprobe Isolde, die blonde Heldin Gottfrieds von
Straßburg, welcher um 1210 sein herrliches Gedicht von
Tristan schrieb. Gottfried, der, wie ich anderwärts gesagt,
unter den mittelalterlichen Dichtern wie eine Antecipation
Göthe's dasteht, hat auf manche Erscheinung