300 Die oͤffentliche Meinung und die Presse.
hemmten Taͤtigkeit und Entfaltung. Diese ist daher, sofern
sie nicht hoͤhere Interessen gefaͤhrdet, ein anzustrebendes Ziel.
Nun#) scheint aber die Zeit nahe bevorzustehen, daß
selbst fuͤr den Schutz der oͤffentlichen Autoritaͤt die Preßfreiheit
mit den gehoͤrigen Buͤrgschaften den Vorzug verdient.
Der Wert naͤmlich aller Einrichtung bestimmt sich zugleich
nach der Wuͤrdigung, die sie im oͤffentlichen Leben findet,
und haͤngt im Erfolge von derselben ab. Unter der jetzt
herrschenden Stimmung ist es nun nahe daran, daß die
Zensur ihre Aufgabe gar nicht mehr zu loͤsen imstande ist.
Waͤhrend die Zensur selbst auf eine so breite Basis gedraͤngt
ist, daß sie die Opposition so viel als gar nicht mehr behindert,
erhaͤlt sich im Publikum die Vorstellung, daß nichts gegen die
Zensur aufkommen koͤnne und daher das Bedeutendste, was
gegen die Regierung und die bestehenden Zustaͤnde gesagt
werden koͤnne, nicht gesagt sei. Das Vorhandensein der
Zensur gibt darum der oppositionellen Presse eine Staͤrke,
die sie sich selbst zu geben nicht imstande waͤre, und da kann
es zuletzt wohl das bessere sein, den kleinen Rest von Schutz
des obrigkeitlichen Ansehens und von Einhaltung ruhigen
Tones, den die Zensur noch zu erhalten vermag, aufzuopfern
gegen die Fruͤchte, die aus dem Bewußtsein der Ungehemmtheit
kommen. Ich kann keine rechtsphilosophische Notwendigkeit
der Preßfreiheit anerkennen, sondern nur eine politische.
Während vielfach behauptet wird, die Preßfreiheit ist in der
Theorie der allein zulässige Zustand, aber die Zensur ist tatsächlich
ein unvermeidliches Ubel, so sage ich umgekehrt: die
Zensur ist in der Theorie ein gerechtfertigter Zustand, aber
die Preßfreiheit wird tatsächlich ein unvermeidliches Wagnis,
das aber allerdings, wenn es gelingt, einen ohne allen Vergleich
erfreulicheren Zustand bringt, als der bestehende der
Zensur ist.
1) 1846.