Full text : Politische Geschichte der Gegenwart. V Das Jahr 1871. (5)

188  Die  Pariser  rüsten  sich  zur  Vertheidigung.

zur  Brücke  von  Grenelle  und  über  dieselbe  hinaus  bis  zum  Trocadero
  und  dem  Marsfeld  vor,  während  sie  auf  der  Westseite  durch
den  Triumphbogen  bis  zu  den  Champs-Elysées  vorrückten  und  ihre
Geschütze  gegen  die  Terrasse  der  Tuilerien  richteten.

Am  Morgen  des  22.  Mai  wurden  die  Pariser  mit  der  Neuigkeit
  überrascht,  die  „Versaillisten“  seien  in  der  Stadt.  Die  Empfindungen
  waren  sehr  getheilt;  manche  Familie  athmete  leichter.
In  den  bereits  besetzten  Stadttheilen  wurden  die  Soldaten  mit
dem  Rufe:  „Es  lebe  die  Linie!“  empfangen.  Im  Innern  der
Stadt  ertönten  die  Trommeln,  die  Sturmglocken,  das  Geschrei:
„An  die  Barrikaden!“  Bataillon  um  Bataillon  marschirte  auf  unter
dem  Ruf:  „Nieder  mit  der  Versailler  Bande!  Nieder  mit  den
Preußen  von  Versailles!“  eine  ungeheure  Menge  von  Gassenbuben
und  Weibern  folgte  ihnen,  von  den  letzteren  eine  Abtheilung  in
kriegerischer  Ausrüstung;  alles  eilte  zu  den  Barrikaden;  der  Donner
der  Geschütze  übertäubte  alles;  man  fand  junge  Mädchen  mit  durchbohrter
  Brust  auf  den  Barrikaden,  während  die  Männer  die  Flucht
ergriffen  hatten.  Das  Hauptquartier  der  Commune  war  im  Hoötel
de-Ville,  und  zu  dessen  Schutze  war  von  Montrouge  bis  Montmartre
  eine  ununterbrochene  Linie  von  Barrikaden  errichtet,  die
freilich  in  dem  Haußmann'schen  Paris  mit  seinen  breiten  Boulevards,
  seinen  Asphalt=  und  chaussirten  Straßen  nicht  so  rasch  und
fest  hergestellt  werden  konnten  wie  in  der  guten  alten  Zeit.  Wenn
die  Versailler  am  Morgen  des  22.  ohne  Verzug  den  Kampf  gegen
die  Barrikaden  hätten  eröffnen  können,  so  hätten  sie  dieselben  ohne
zu  große  Verluste  bewältigt;  aber  sie  selbst  waren,  da  sie  die  ganze
Nacht  marschirt  waren,  zum  Theil  gekämpft  hatten  und  keine  Nahrung
  hatten  zu  sich  nehmen  können,  zu  erschöpft,  als  daß  sie  ohne
einige  Ruhe  und  Stärkung  den  Kampf  aufnehmen  konnten.  Es
wurden  daher  am  22.  Mai,  außer  auf  dem  linken  Seineufer,  nur
wenige  Fortschritte  gemacht  und  für  den  folgenden  Tag  ein  kombinirter
  Angriff  mit  5  Kolonnen  vorbereitet.  Rechts  kommandirte
General  Cissey,  im  Centrum  Vinoy  und  Douay,  links  Clinchant
und  Ladmirault.  Die  stärksten  Vertheidigungspunkte  der  Commune
waren  die  Höhen  von  Montmartre,  von  Belleville  und  von  Charonne.
  Nach  diesen  mußte  die  Nationalgarde  zurückgedrängt  und
dann  die  Höhen  selbst  genommen  werden.  Es  wurde  beschlossen,
den  Montmartre  durch  Umzingelung  zu  nehmen.  Die  Kolonne  des