Die Arbeiterfrage. 511
wegung, eine neue staatsrechtliche mit eigentbümlicher, gleichgültig ob
tieferer oder höherer, Stellung versehene Klasse der Bevölkerung neben
den bestehenden zu gründen, sondern sie will offenkundig, so weit sie
überhaupt den Staat ins Auge fasst, eine unbedingte Gleichberechtigung
Aller erstreben. Es sollen sämmtliche itzt etwa noch vorhandene Unterschiede
in den öffentlichen Rechten vollständig beseitigt werden. Ein
gleiches allgemeines Stimmrecht soll alle Staatsangehörige zu einer unterschiedlosen
Masse machen. Nicht also eine Ausscheidung eines neuen vierten
von den früheren höheren Ständen und eine Stellung neben oder gegenüber
denselben ist beabsichtigt, sondern im Gegentheile ihre vollständige
Absorption. Endlich und hauptsächlich geht die fragliche Bezeichnung gar
nicht auf das Wesen der Bestrebungen. Dieses besteht in wirtbschaftlichen
Forderungen, welche ein anderes Verhältniss der Belohnung der Arbeitenden
zu den Beschäftigern, der nur persönliche Kraft und Geschicklichkeit
Besitzenden zu den Eigenthümern der materiellen und geistigen Arbeitsbedingungen
herbeiführen sollen. Nur mit Berücksichtigung dieses Zweckes
kann also eine verständige und verständliche Bezeichnung der in Aussicht
genommenen neuen Ordnung der Dinge gewählt werden. Aber, wird man
wohl einwenden, gerade diese Bezeichnung als vierter Stand wird mit eontschiedenster
Wichtigkeit betont, seine Gründung als der Wendepunkt in
der ganzen Bewegung bezeichnet, und legt namentlich Lassalle, dem man,
mag man sonst von ihm halten was man will, doch keinen Falles klaren
Verstand und bewusstes Handeln abstreiten kann, den entschiedensten
Werth auf diese Bezeichnung; es muss also doch dieselbe einen Sinn und
eine Bedeutnng haben. Allerdings. Dadurch, dass die Lohnarbeiter als
ein vierter Stand bezeichnet werden, soll der angebliche tiefe Unterschied
zwischen ihnen und den Kapitalbesitzern und Unternehmern, welche man
gegen alle Geschichte und Statistik als den dritten Stand der «Bourgeois>
darstellt, hervorgehoben werden. Es ist ein Kriegsname, eine gemeinsame
Fahne; überdiess eine Drohung. So wie der dritte Stand, mit Hülfe der
damals noch nicht von ihm getrennten unteren Volksschichten, die beiden
ersten Stände in der französischen Revolution vernichtet habe, so wird nun
ihm die gleiche Beseitigung durch einen vierten Stand in Aussicht gestellt.
genommen werden, wenn er In seiner Geschichte der social-politischen Parteien In Deutschland,
(Freibg., 1867) 8. 3 fg., auseinandersetzt, dass sich aus dem „einfachen Mittelstande‘“,
wesentlich der Handwerker, die „Bourgeoisie" als die reichen Träger des grossen Handels,
der grossen Industrie, der modernen Kapitalwirihschaft emporgearbeitet habe und der gerade
Gegensatz dieses Bürgerthums, des Mittelstandes, geworden sel, und wenn er nun behauptet,
dass der Itzt gegen diesen liberalen Oeconomismus auftretenden Klasse der Arbeiter die
Bezeichnung als vierter Stand mit Recht beigelegt werde. Offenbar wäre es nach seiner
Auffassung eine fünfte Gruppirung, da er Geistlichkeit, Adel, Bürgerthum wenigstens in
ihren Resten, die Bourgeoisie als die herrschende Klasse anerkennt. Im Uebrigen soll
dieser scharfsinnige und stastsmännisch angelegte Schriftsteller keineswegs zu Donen gerechnet
werden, welche „nicht fünf zählen können“.