Sternfeld: Die äußere Politik Frankreichs seit 1871
aber Ludwig Philipp mochte keinen Krieg und ließ
Thiers fallen. Indes war die napoleonische Legende
erstarkt; sie ließ die Nation betrübende Vergleiche
anstellen zwischen der weltbeherrschenden Stellung
unter dem Kaiser und der ohmmächtigen unter dem
Bürgerkönig. Frankreich langweilt siche: damit
sprach Lamartine aus, was die Panzösichen Herzen
bewegte. Aber als er selbst nun 1848 nach der Februar-Revolution
an die shise der neuen Republik
trat, hat er sein Volk enttäuscht; Europa fürchtete
damals wohl eine Erneuerung der kriegerischen Politik
der Gironde von 1792, aber der innere Zwiespalt,
der sich in der Junischlacht entlud, ließ die
Republik dazu nicht kommen.
Erst der neue Kaiser, der ihr durch seinen Staatsstreich
ein Ende machte, hat sofort die napoleonische
Angriffspolitik ausgenommen, trotzdem er verkündete,
daß »das Kaiserreich der Friede seie. Schon sehr
bald (1853) ergriff er die Gelegenheit, Frankreich an
der Macht zu rächen, die einst seinen Oheim in seinem
Siegeszug gehemmt hatte, an Rußland. Dazu verband
er sich mit England, um mit ihm die Türkei
vor dem russischen Angriff zu retten. Mit dem Krimkrieg
beginnt eine neue Kriegsperiode Frankreichs,
das sein neuer Herrscher in fünf Jahren wieder an
die Spitze Europas führen sollte.
Die Stellung Frankreichs während des ganzen
Jahrhunderts ist wesentlich durch sein Verhältnis zu
England bedingt. Nachdem beide Mächte weit über
hundert Jahre sich erbittert bekriegt hatten und schließlich
an der britischen Zähigkeit Bonapartes Weltherrschaft
gescheitert war, lag es in Englands Interesse,
das nun ungefährliche, Anlehnung gegen die drei
Mächte der Heiligen Allianz suchende Krankreich zu
seinem Vorkämpfer auf dem Kontinent zu machen.
So kam das Zusammengehen der Westmächte zustande,
eine in der Geschichte ganz neue Erscheinung:
denn seit tausend Jahren hatten sie sich fast immer
befehdet. Lord Palmerston hat den Bund der Westmächte
zur Grundlage der neuen englischen Politik
gemacht, indem er Frankreich an England kettete, zugleich
überwachte und vom Anschluß an Rußland
zurückhielt. Er benutzte klug die Verfassungsfragen
des Kontinents, um unter dem Beifall der liberalen
Presse die beiden konskitutionellen Staaten, England
und Frankreich, als Hort der Freiheit den despotisch
regierten drei Ostmächten gegenüberzustellen.
Doch erwiesen schon die 1840er Jahre, daß die
Entente cordiale — bieses Wort wurde auf Grund
eines ähnlichen des Lord Aberdeen zum erstenmal
von Ludwig Philipp in einer Thronrede 1843 gebraucht
— oft genug durch die beftigsten Zerwürfnisse
gestört wurde: sowohl Englands Stellung auf seiten
der Ostmächte 1840 als auch die Frage des Schiffs-Durchsuchungsrechts
1842, ganz besonders 1846 die
berüchtigten spanischen Heiraten, bei denen die alte
Eifersucht der Westmächte auf der Pyrenälschen Halbinsel
wieder hervortrat — das alles zeigte, daß das
»herzliche Einvernehmen auf schwachen Füßen stand.
Da wares denn erklärlich, daß die entgegengesetzte
Politik: Anschluß an Rußland, in Frankreich immer
noch viele Freunde hatte. Wie schon damals der russische
Adel und panflawistische Schwärmer im Haß
Fegen die Deutschen für Frankreich sich begeisterten,
o bezeichnete Lamartine ein französisch rufsisches
Bündnis als einen durch die Geographie sich ergebenden
-Schrei der Nature.
Daher hat sich Napoleon III. nach der Eroberung
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Sebastopols rasch mit Rußland verständigt, zur Enttäuschung
Englands, das nicht auf seine Rechnung
gekommen war und ungern den Kaiser auf dem Pariser
Kongreß (März 1856) als den Schiedsrichter
Europas walten sah.
Schon vor dem italienischen Kriege 1859 zeigte sich
die neue Stellung der Mächte: England war auf die
Seite OÖsterreichs, Rußland, aus Haß gegen die Donaumonarchie,
auf die Frankreichs getreten, so daß Napoleon
die Unterstützung Sardiniens gegen Osterreich
ungestört ins Werk setzen konnte. Durch diese verhalf
Frankreich nun dazu, daß Italien seine Einigung
fand, während die Zerklüftung der Apenninen--Halbinsel
von jeher seiner Machtstellung förderlich gewesen
war; die völlige Eroberung Italiens durch
Piemont konnte es daher, auch des Papstes wegen,
nicht zulassen. Schwerer noch wurde es durch den
Sieg Preußens 1866 betroffen; der Ruf nach Rache
für Sadowa, die patriotischen Beklemmungen-Rouhers
und die Warnungen, die Thiers gegen die
Erstarkung Mitteleuropas erhob, zeigten den Abstieg
der Politik Napoleons, der durch sein mexikanisches
Abenteuer der lateinischen Rasse nicht gedient, wohl
aber sein Heer zerrüttet hatte.
Bismarcks Politik verhütete dann, daß Rußland
dem bedrängten Frankreich 1870 zu Hilfe kam,
woran Deutschlands rasche Siege vorzer schon Osterreich
und Italien verhindert hatten. Thiers wurde
von den Höfen abgewiesen, als er Hilfe für die neue
Republik erflehte; England verharrte in seiner, für
den Besiegten freilich parteiischen Neutralität. So
trat Frankreich zum zweitenmal im 19. Jahrhundert,
besiegt und durch die Abtretung des Elsaß und
eines Teiles von Lothringen geschwächt, von seiner
Großmacht- und Angriffsstellung zurück. Damit beinnt
die neue, 48jährige Periode der französischen
eschichte von 1871—1914, die in vier ziemlich gleiche
Abschnitte eingeteilt werden kann:
I. Bis zur Erwerbung von Tunis 1881.
II. Bis zum Bündnis mit Rußland 1891.
III. Bis zum Anschluß an England 1904.
IV. Bis zum Ausbruch des Weltkrieges 1914.
I. 1871—1881.
Von nun an ist klar zu sehen, wie die alten, auf
Rasse, Tradition und geographischer Lage beruhenden
Verhältnisse der großen Mächte — und Frankreichs
innerhalb ihres Systems — fortwirken unter
dem für diese Nation neuentstandenen Gesichtspunkte:
der Revanche für 1870 und des Wiedergewinnes von
Elsaß-Lothringen. Denn es kann kein Zweifel sein,
daß dieser Antrieb das Maßgebende und Bewegende
für die Franzosen blieb, mochte er manchmal mehr
zurücktreten, dann wieder heftiger hervorbrechen.
Damit hing die ganze äußere Politik zusammen, die
sich in der Abneigung Legen das neue Deutsche Reich
und im Suchen nach Bündnissen zeigte.
Im Innern war es entscheidend, daß diesmal die
Republik Bestand hatte. Mochten die Thronforderer
nicht kräftig genug sein, mochte die neue Geistesrichtung
der Demokratie zuneigen, mochte Bismarck
Thiers und die Republik stützen, weil sie weniger
als Legitimisten, Orleanisten und Napoleoniden
Kriegslust bezeugen würde: die neue Staatsform erhielt
sich trotz aller Stürme, auch als Mac Mahon,
der Kandidat der Monarchisten, Präsident wurde.
Aber auch die Republik hat sehr bald die Revanche
ins Auge gefaßt, jedenfalls nichts versäumt, um die