Metadata : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

Pläne  zur  Vergrößerung  Preußens  29

vorhanden;  sollte  der  preußische  Staat  in  selbstauferlegter  Ruhe  verharren,
  Taler  auf  Taler  anhäufen,  jahrein,  jahraus  neue  Rekruten
zwecklos  abrichten,  oder  sollte  er  nicht  lieber  die  gewonnene  Kraft  bei
günstiger  Gelegenheit  verwerten?  Von  der  Gedanken  Blässe  nicht
angekränkelt,  beschloß  Friedrich  II.  das  letztere.  Jülich,  Berg  und
Westpreußen,  vielleicht  auch  Schwedisch-Pommern  zu  erlangen,  schien
das  nächste  Ziel  zu  sein.  Da  starb  am  20.Oktober  1740  ganz  unerwartet
  Kaiser  Karl  VI.  und  eine  Frau,  Maria  Theresia,  ward
Erbin  seiner  Lande.  Das  war  ein  Ereignis,  das  die  Lage  Europas
mit  einem  Schlage  von  Grund  aus  änderte,  und  Friedrich  wußte  es
zu  benützen.

In  den  österreichischen  Ländern  herrschte  ob  der  weiblichen  Nachfolge
  große  Unsicherheit,  und  die  Nachbarn,  obwohl  sie  fast  alle  die
neue  Thronfolgeordnung  genehmigt  hatten,  machten  allerlei  Ausflüchte,
  um  im  Trüben  zu  fischen.  Sachsen  und  Bayern,  wo  die
Töchter  Kaiser  Josefs  I.  als  Fürstinnen  saßen,  waren  unmittelbar
an  der  Erbfolge  beteiligt;  Frankreich  war  ein  alter  Gegner  Österreichs,
  um  so  mehr,  seitdem  England  in  immer  nähere  Verbindung
zum  Donaustaate  getreten  war;  Spanien  stand  gleichfalls  seit  Anfang
  dieses  Jahrhunderts  in  scharfer  Opposition  gegen  die  Habsburger:
  die  Königin  Elisabeth  von  Spanien,  die  eigentliche  Regentin
  des  Landes,  war  bemüht,  ihre  beiden  Söhne  Karl  und  Philipp
  in  Italien  auf  Kosten  Osterreichs  zu  versorgen.  Der  jahrhundertlange
  Feind  im  Osten,  die  Türkei,  hatte  eben  gegen  Osterreich
einen  Krieg  siegreich  beendet.  Die  eigenen  Hilfsquellen  OÖsterreichs
waren  erschöpft,  die  Unterstützung  von  seiten  des  Deutschen  Reichs
ungewiß,  da  ja  ein  Nachfolger  Karls  VI.  noch  nicht  gewählt  und  es
fraglich  war,  ob  es  möglich  sein  würde,  den  Gemahl  Maria  Theresias,
  Franz  Stephan  von  Lothringen,  jetzt  Großherzog  von  Toscana,
  zum  römisch-deutschen  Kaiser  zu  erheben.  Nur  über  alte  Minister,
  ein  geschlagenes  Heer,  leere  Kassen  verfügte  die  schöne  Königin
  von  Ungarn  und  Böhmen  bei  ihrem  Regierungsantritte.  Das
war  nun  eine  überaus  günstige  Gelegenheit  für  Friedrich  II.,  seine
alten  Ansprüche  auf  Schlesien  wieder  aufleben  zu  lassen.  Über  die
Berechtigung  derselben  ist  bereits  an  anderer  Stelle  geredet  worden:
sie  sind  unsicherer  Natur.  Eine  Erörterung  der  Frage,  ob  der  Erbvertrag
  mit  Brieg,  Liegnitz  und  Wohlau  von  1537  die  notwendige
Bestätigung  von  seiten  der  lehengebenden  Krone  Böhmen  erhalten
habe  und  ob  die  Einziehung  Jägerndorfs  im  Dreißigjährigen  Kriege
rechtmäßig  gewesen  sei,  ist  wohl  müßig,  denn  das  Ganze  war  eine