Dönhoff an Camphausen 1848 Oktober 19. u. November 6. 273
14. Graf Dönhoff an Camphausen.
Eigenhd. Original.
Berlin 1848. Oktober 19.
Ich schreibe in der Anlage, um deren Beförderung ich bitte, dem Prinzen Adalbert,
daß das Staatsministerium einstimmig der Ansicht ist:
Die neu zu schaffende Marine müsse „eine einheitliche, rein deutsche, von der
Zentralgewalt abhängige werden“.
Das Kriegsministerium hatte anfangs die Idee eines abgesonderken preußischen
Marinekontingents festhalten wollen; was aber unerreichbar ist. Auch habe
ich dem Prinzen anheim gestellt, in Jweifelsfällen mit E. E. Rücksprache zu nehmen.
Aus Wien sind die Nachrichten gut: Die Regierung habe 6oooo Mann um Wien,
und in der Stadt finge man an, den Mut zu verlieren. Außerdem wären auch
andere Truppen an der Grenze aufgestellt, um die Ungarn aufzuhalten, falls sie
Wien zu Hilfe kommen wollten, was jedoch nicht wahrscheinlich wäre. Den anliegenden
Privatbrief lege ich sub petito remissionis bei.à
Hoffentlich werden die pp. Reichskommissarien keine Mißgriffe machen: in diesem
Augenblick ist in Wien die deutsche Partei mehr auf der Seite der Anarchie und der
Republik und die slawische auf der Seite der Ordnung und Gesetzlichkeit. Jede Einmischung
von seiten der Reichsgewalt kann nur Verlegenheiten bereiten. Hoffenklich
wird auch Herr von Schmerling dies einsehen. Die eben eingehenden Nachrichten
vom 17. sagen, daß Wien mehr und mehr eingeschlossen würde, von den
Ungarn nichts zu hören sei; und in der Stadt kein Gouvernement, indem selbft die
Nationalversammlung nicht mehr beschlußfähig.
Anliegend Auszug aus einem Privatschreiben von Lord Palmerston an Exz.
Bunsens, wonach England noch an der Entente der beiden Mächte festhält, und von
der Konferenz nichts wissen will.
Die vorgestrigen Reibungen zwischen Arbeitern und Bürgern sind ohne politischen
Charakter, obgleich die linke Seite seither gerne etwas daraus machen
möchte. Die Sache hat im Gegenteil gut gewirkt, da die Bürgerwehr zum erstenmal
standgehalten hat, und somit die Arbeiter entmutigt hat.
Die Stellung, die Bayern der Jentralgewalt gegenüber neuerdings wieder einzunehmen
scheint, ist bedenklich, weil es offenbar die österreichische Parkei in Süddeutschland
stärken wird; vielleicht wäre es gut nach München hin einige Beruhigung
zu geben, daß wenigstens Preußen nicht beabsschtigt, Bapern von der Teilnahme
an der definitiven Zentralgewalt auszuschließen. Was halten E. E. davon? Wie
entwickelt sich der Gang dieser Angelegenheit seitdem!?
P8. Was hat es für eine Bewandtnis mit der von Herrn Schmerling angekündigten
Aufforderung an das Preußische Ministerium, die hiesigen demokratischen
Versammlungen schärfer zu überwachen? Hier ist eine solche Aufforderung noch nicht
eingegangen.
15. Graf Dönhoff an Camphausen.
Eigenhd. Original.
Berlin r848. November 6.
Die H. v. Bonin, Eichmann und ich sind Ihnen sehr dankbar für die offenen und
rückhaltlosen vertraulichen Mitteilungen vom 3. d. M./ — Niemand mehr wie wir
selbst haben die Ubelstände der hiesigen Verhältnisse namentlich seit Mitte Oktober
empfunden, und wir begreifen ganz die Rückwirkung davon auch auf Ihre Stellung.
1 Liegt nicht bei.
2 Liegt nicht bei.
* S. Meinecke, Weltbürgertum:, 377. Ein Konzept dieses Schreibens habe ich in Camphausens
Nachlaß nicht gefunden.
Brandenburg, Untersuchungen. 18