Metadata : Rosenheimer Anzeiger. 62. Jahrngang (62)

Stimmung  der  evangelischen  Confessionen  gegen  einander,  weit  mehr  Anklang
in  ihnen,  als  der  lutherische  Prinz  Wolfgang  Wilhelm.

Allein  beide  Theile  waren  doch  umsichtig  genug,  die  offene  Uneinigkeit
als  das  schlimmste  aller  Uebel  anzusehen,  und  suchten  daher  einen  gütlichen
Austrag.  Diesen  glaubte  man  am  leichtesten  in  einer  ehelichen  Verbindung  des
Pfalzgrafen  mit  der  ältesten  Tochter  des  Kurfürsten,  Anna  Sophie,  zu  finden.
Die  Fürsten  kamen  persönlich  zu  diesem  Zwecke  in  Düsseldorf  zusammen,  ohne
jedoch  das  gewünschte  Ziel  zu  erreichen;  denn  der  Pfalzgraf,  von  seinem  alleinigen
  Anrecht  vollkommen  überzeugt,  scheute  sich  nicht,  von  seinem  künftigen
Schwiegervater  die  ganze  Erbmasse  als  Mitgift  seiner  Braut  zu  fordern;  allein
der  Kurfürst,  dessen  hitziges  Temperament  durch  den  etwas  überreichlich  bei  Tafel
genossenen  Wein  noch  heftiger  als  gewöhnlich  aufgeregt  war,  gerieth  über  die
ihm  gar  zu  unverschämt  vorkommende  Forderung  seines  künftigen  Schwieger=Sohns
  in  so  großen  Zorn,  daß  ein  heftiger  Wortwechsel  unter  ihnen  entstand,
der  mit  einer  Ohrfeige  endete,  welche  der  Pfalzgraf  von  seinem  aufgebrachten
Gegner  erhielt  (1613).

Nach  einem  so  gewaltsamen  Vorfall  war  natürlich  von  fernerem  Zusammenwirken
  nicht  mehr  die  Rede.  An  die  Stelle  der  bisherigen  auch  nur
mühsam  bei  den  ganz  entgegengesetzten  Interessen  erhaltenen  freundlichen  Beziehung
  trat  nun  der  tödtlichste  Haß.  Nur  durch  die  engste  Einigung  mit  den
Gegnern  glaubte  jetzt  der  Pfalzgraf  seinem  Ziele  näher  kommen  zu  können,  und
schloß  sich  daher  so  eng  als  möglich  an  den  Kaiser,  die  Spanier  und  die  katholische
  Ligue  an;  ja  Rache  und  Ehrgeiz  überwanden  bei  ihm  in  dem  Grade  jedes
religisse  Bedenken,  daß  sie  ihn  zum  Uebertritt  in  die  römische  Kirche  und  zur
Vermählung  mit  der  bairischen  Prinzessin  Magdalena  bestimmten.

Anfangs  hielt  der  Pfalzgraf  seine  Glaubensveränderung  geheim,  wahrscheinlich
  aus  Scheu  vor  seinem  Vater,  der  auch  wirklich  vor  Gram  starb,  als  er
den  ganzen  Verlauf  der  Begebenheiten  erfuhr.  Jedenfalls  aber  erschien  der  Uebertritt
  des  Pfalzgrafen  und  die  Verstärkung  der  katholischen  Partei  in  dem  Hause
Winelsbach  ein  großer  Verlust  für  die  evangelischen  Stände  in  Deutschland  und
ein  neuer  besorglicher  Wendepunkt  für  das  Haus  Brandenburg  in  der  jülichschen
Erbschaftsangelegenheit.  Um  so  nöthiger  war  es,  daß  Johann  Sigismund  auf
Mittel  dachte,  der  drohend  anwachsenden  Macht  seines  jetzt  gegen  früher  weit  mächtigeren
  Mitbewerbers  den  allerkräftigsten  Widerstand  entgegenzusetzen.  In  einem
Familienconvent  zu  Halle,  wohin  auch  der  Landgraf  Moritz  von  Hessen-Cassel  eingeladen
  war,  kam  man  überein,  sich  vor  allen  Dingen  als  Gegengewicht  gegen
Spanien  der  Generalstaaten  zu  versichern.  Freilich  waren  die  Holländer  damals
durch  die  kirchlichen  Streitigkeiten  zwischen  den  Arminianern  und  Gomari-=sten,
  oder,  wie  sie  sich  auch  bezeichneten,  Remonstranten  und  Antiremonstranten
  in  zwei  feindliche  Lager  geschieden,  doch  erschien  auch  für  sie  die  jülichsche
  Erbangelegenheit  zu  wichtig,  als  daß  nicht  trotz  aller  inneren  Spaltungen  von
ihnen  im  Falle  der  Noth  eine  lebhaftere  Theilnahme  zu  erwarten  gestanden  hätte.