III. Die Anfänge Friedrich Wilhelms IV. 207
flußten König verwirklichen zu lassen. Fromm sein oder wenigstens
sich vor den Augen der maßgebenden Kreise fromm zeigen
wurde Mode. Es dauerte nicht lange, so waren für die vornehme
Welt Betstunden, was ehemals eine partie tine, wo
Heiraten gestiftet, Beförderungen gemacht und Geschäfte eingeleitet
wurden. Die Beamtenschaft folgte dem Beispiel des
Hofes, denn der König fand vollends Gefallen daran, seit
er 1842 bei seinem Besuche in England zur Taufe des
Prinzen von Wales die halb römischen Kultformen der englischen
Hochkirche mit ihrer selbstgefälligen Schaustellung der
Frömmigkeit kennen gelernt hatte. Preußen sollte mit der
englischen Sonntagsheiligung beglückt werden. Die Theater
mußten an den Vorabenden der hohen Kirchenfeste geschlossen
bleiben. Beraten von Bunsen, schien der König die Anglisierung
der preußischen Landeskirche zu erstreben. Dadurch gewann
der hochgebildete, geistig erstaunlich bewegliche und formgewandte
Mann, der trotz seiner Gefühlsschwelgerei und seinem begeisterten
Optimismus in allen Sätteln gerecht schien, auf den
ihm geistesverwandten König einen geradezu verhängnisvollen
Einfluß, und es lag nicht an ihnen beiden, wenn er nicht zu
einer politisch leitenden Stellung berufen wurde. Neben ihm
trat dem König Oberst v. Radowitz nahe, der den kurhessischen
Dienst hatte verlassen müssen, weil er sich der Kurfürstin gegen
ihren rohen Gatten ritterlich angenommen hatte, auch ein
Mann von vielseitiger Bildung und auf den verschiedensten Gebieten
dilettierend, ein guter Katholik und als solcher ebenfalls
romantisch schwärmend für die Herrlichkeit des Mittelalters,
doch auch ein warmherziger Patriot und als Staatsmann nicht
ohne eine gewisse Genialität, aber auch da nur Dilettant.
Gleich sein erstes diplomatisches Auftreten versprach nicht eben
viel. Angesichts des drohenden Krieges mit Frankreich, wurde
er im Oktober 1840 mit General v. Grolmann nach Wien
geschickt, um eine Verbesserung der Bundeskriegsverfassung zu
betreiben. In betreff derselben blieb es freilich bei dem 1832
Vereinbarten, doch nahm man endlich den Ausbau Rastatts
und Ulms zu Bundesfestungen in Angriff und erstrebte die gleichmäßigere
Ausbildung der Bundesarmeecorps durch die Ein-