Volltext : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

254  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

„Angesichts  dieser  uͤbergriffe  mußte  die  Staatsregierung  sich
die  Frage  vorlegen,  ob  von  der  Fortsetzung  der  Verhandlungen
des  Landtags  gedeihliche  Ergebnisse  für  die  Wohlfahrt  und  den
inneren  Frieden  des  Landes  überhaupt  zu  erwarten  ständen.  ..  .
Der  Verlauf  dieser  Beratungen  hat  bei  der  Staatsregierung
die  Besorgnis  nicht  zu  heben  vermocht,  daß  auf  dem  vom
Hause  der  Abgeordneten  eingeschlagenen  Wege  das
Land  ernsteren  Zerwürfnissen  entgegengeführt  und
die  Ausgleichung  der  bestehenden  auch  für  die  Zu—
kunft  erschwert  werden  würde.“

Zu  so  plötzlicher  Schließung  des  Landtages  hatte  außer  der
Zuspitzung  des  inneren  Konflikts  der  Stand  der  auswärtigen
Politik  beigetragen,  der  von  Tage  zu  Tage  unhaltbarer  wurde
und  nicht  auch  noch  die  Schwierigkeiten  ertragen  konnte,  welche
die  Mehrheit  der  Politik  Bismarcks  dadurch  bereitete,  daß  sie
in  Fühlung  trat  mit  den  in  Berlin  beglaubigten  fremden  Botschaftern
  und  —  wie  Bismarck  später  im  deutschen  Reichstage
einmal  gesagt  hat  —  am  Vormittag  etwa  dieselben  Einwände
gegen  dessen  Politik  erhob,  welche  die  Botschafter  ihm  am
Nachmittage  vortrugen.  Dazu  die  langen  Reden  von  Leuten,  die
im  Grunde  die  Zeit  tot  schlugen.  Wer  solche  breiten  Ergüsse  je
im  Leben  pflichtgemäß  mit  hat  anhören  müssen,  kann  es  Bismarck
nachfühlen,  wenn  er  am  3.  Februar  unter  Seufzen  sprach:
„Was  hilft  es,  daß  ich  in  die  Kommissionen  komme?  Ich  habe
kein  anderes  Resultat  davon,  als  daß  nachher  auf  der  Tribüne
hier  jeder  Satz  damit  anfängt:  der  Herr  Ministerpräsident  hat
gesagt  —  und  dann  kommt  etwas,  was  ich  nicht  immer  glaube
gesagt  zu  haben,  oder  wenigstens  ist  es  so  aus  dem  Zusammenhange
  herausgerissen  und  entstellt,  daß  stundenlange  Reden
dazu  nötig  wären,  wenn  ich  alles  durchgehen  und  berichtigen
wollte,  und  dazu,  meine  Herren,  ist  mir  meine  Zeit  und  meine
Lunge  zu  lieb."

Und  nicht  nur  Zeit  und  Lunge  Bismarcks  kamen  durch  die
Reden  in  Gefahr,  bedenklich  waren  auch  die  Anfragen  und
Anträge,  die  nicht  verhandelt  werden  konnten,  ohne  unzeitgemäße
  und  gefährliche  Enthüllung  der  letzten  Ziele  preußi-