Metadata : Zwischen Krieg und Frieden. Band 11. Das Deutsche Elend in London. (11)

Möglichkeit  einer  Heizung;  dafür  war  aber  das  oben  befindliche
  Wellblechdach  mit  einem  großen  offenen  Luftschacht
versehen,  durch  den  der  eisige  Wind  auch  bei  geschlossener
Tür  empfindlich  hereinfuhr.  Ein  Versuch  von  uns,  das
Ventil  mit  Papier  zu  verstopfen,  wurde  von  seiten  des  englischen
  Arztes  als  „ungesund“  verboten.  Einen  Tisch  oder
einen  Stuhl  gab  es  nicht;  weder  zum  Schreiben  noch  zum
Essen  war  eine  andere  Möoglichkeit  zu  sitzen  als  auf  den
Koffern,  die  uns  am  dritten  Tage  in  die  Box  hineinzunehmen
bewilligt  wurde.

Das  in  absolut  unzureichender  Menge  vorhandene  Preßstroh
  war  nach  wenigen  Tagen  in  so  kleine  Stücke  zerbrochen,
daß  es  weder  als  einigermaßen  weiche  Unterlage  angesprochen
werden  konnte,  noch  gegen  die  vom  Zementboden  aufsteigende
Kälte  und  Feuchtigkeit  isolierte.  In  den  ganzen  acht  Wochen,
die  ich  dort  gewesen  bin,  ist  uns  nicht  ein  einziges  Mal  das
Stroh  erneuert  worden!

Anfangs  hatten  wir  noch  Mut,  deutsche  Lieder  zu  singen.
Die  patriotischen  Lieder  sind  verboren  worden!  Dann  wurde
im  gemeinschaftlichen  Chor  gesungen:  „Teure  Heimat,  sei
gegrüßt,  in  der  Ferne,  sei  gegrußt!“  Der  Gesang  am  verlöschenden
  Feuer  der  Kochstellen  ist  abends  jetzt  lange  verstummt.
  Es  wird  kein  Lied  mehr  laut.  Einer  zieht  sich  vor
dem  andern  mehr  und  mehr  zurück;  die  Stimmung  wird
gereizt,  jeder  möchte  den  andern  von  sich  ablösen  —  einmal
nur  eine  Minute  sich  allein  besinnen,  nicht  im  Haufen  mit
seinen  Sorgen  sein!  Der  Gruß  wird  täglich  kürzer,  der
Kopf  sinkt  täglich  tiefer,  und  abweisend  sucht  jeder  eine
Ecke,  in  der  er  allein  seinen  großen  Zorn  und  den  galligen
Haß  in  sich  hineinwürgen  kann.  Man  kämpft  mit  jeder

16