88
zu Ende führen, daß ihr unterdessen meinem Weine
die ihm gebührende Ehre erweist. Meine Knechte
werden euch fürsorglich aufwarten. So hört denn
meine Gedanken:
Ein jedes Volk, das seine Grenzen schützen will,
muß, wenn es die Macht dazu nicht in sich selber
besitzt, bei befreundeten Bölkern Hilfe suchen.
muß auch unsere Aufgabe sein. Wer aber sind die
uns befreundeten Völker? Ja, liebe Freunde, es
ist eine tieftraurige Tatsache, mit der wir aber rechmen
müssen: So wie wir heute dastehen, besitzen
wir Pommern auch nicht einen einzigen ehrlichen
Freund Wir sind ringsum von Feinden umgeben.
Seitdem wir die Christenlehre annahmen, haben
uns unsere einzigen Freunde, deren wir uns noch
erfreuten, die Rügianer und Preußen, tief gekränkt
verlassen. Und mit ihnen vereint könnten
wir unseren Feinden wirksamen Trotz bieten. Aber,
wie ich noch einmal betone, tronddem ihr alle es
ebenso gut wizt, wie ich, seitdem wir sie durch Annahme
der fremden Lehre in ihren heiligsten Gefühlen
verletzt und von uns gestoßen haben, stehen wir
verlassen, ohne Hilfe da, wie der von der Meute
gestellte Ur. Unsere früheren Freunde aber können
wir auf keine andere Weise wiedergewinnen, als
wenn wir die Ketten, die uns hemmen, zersprengen,
die Verkündiger des uns vernichtenden Glaubens
vertreiben und wieder zu unseren alten Götlern
zurückkehren. Haben wir uns zu dieser Tatl
aufgerafft, so werden unsere jetzigen offemkumdigen
Feinde unsere treusten Freunde und Bundesgenossen
sein. Und glaubt mir: Die fünfundzwanzig Jahre,
die nun seit dem Sturze unserer Götter vergangen
sind, haben dem altvertrauten Glauben unserer Bäter
noch keineswegs den Garaus gemacht. Daß ich
selbst mich noch nicht vor den fremden Göttern und
ihren Priestern gebeugt habe, ist euch bekannt. Und
so stehen noch viele im Lande unentwegt zu unseren
allen, geliebten Göttern. Ja, selbst dort, wo
der neue Glaube angenommen wurde, ist er oft nur
eine oberflächliche Tünche. Gleich der Glut unter
der Asche glimmt die Liebe zu den alten Göttern
unerkaltet fort. Und deshalb wird, dem dürren
Herbstlaube gleich, das ein Sturm in alle Weiten
verstreut, auch die uns aufgezwungene Götterlehre
metsamt ihren Verbreitern in alle Winde zerstieben,
sobald nur erst von berufener Seite das Zeichen
gegeben wird, daß die Tage der Knechtschaft der
Götter ihr Ende erreicht haben und daß sie wieder
in altem Glanze und alter Würde vor dem Volke
thronen sollen.
Vielleicht wirft hier jemand ein: „Wenn nun
aber der Fall eintritt, daß unsere vermeintlich wiedergewonnenen
Freunde versagen, nachdem wir den
allgemeinen Aufstand erregt haben? Sind wir
dann nicht vollends dem Untergange geweiht?“
Nun, liebe Freunde, ihr wißt, daß mein Bruder
lingere Zeit im Lande der Preußen geweilt und
bei ihren Fürsten wegen seiner Tapferkeit und klugen
Raterteilung in hohem Ansehen gestanden hat.
Unser Dommerland
Auf dessen Wort baue ich fest, und er hat mir unter
heiligem Eide erklärt, daß die tapferen Preußen
mur des Winkes harren, un mit uns vereint die
verhaßten Polen einmal gründlich aufs Haupt zu
schlagen. In gleicher Weise haben sich auch die
Fürsten Rügens geäußert, und die von uns unterworfenen
und mit Gewalt zum Christenglauben getriebenen
Cintizen brennen schon in der Hoffnung
und dem Wunsche, mit uns gemeinsame Sache zu
machen. Auch dies ist mir durch sichere Botschaft
bekannt. Ich selder habe in Stettin, Damm und
in anderen Städten die Stimmung der Geister erforscht
und ihr könnt es mir aufs Wort glauben:
Es bedarf nur einer unzweideutigen Aufforderung,
umnd Ost und West stehen auf wie ein Mann. Eine
herrliche Heerschar wird es werden und eine furchtbare
Strafe wird sie an unseren Feinden vollziehen.
Wenn uns vielleicht dennnoch irgend welche
Schwierigkeiten entstehen dürften, so möchken diese
nur in dem zögernden oder unschlüssigen Verhalten
einiger unserer Landsleute selber bestehen. Sobald
diese jedoch wahrnehmen werden, wie das übrige
Land wie ein Mann sich erhebt, so werden auch sie
notgedrungen dem allgemeinen Nufe folgen und zu
unseren Fahnen stoßen müssen.“
Hier unterbrach Herr Sambor seine Rede und
trank seinen Gästen mit kräftigem Zuge vor, worauf
alle ihm in gleicher Weise Bescheid taten. Als
Gnirko und Plietzka die Becher aufs neue gefälli
hatten, fuhr der Redner fort:
„Ein weiser Mann übereilt sich in einer wich#igen
Sache nicht und trisst vor der Tat sorgsam
seine VBorbereitungen. Deshalb müssen zunächst Boten
an unsere Nachbarn gesandt werden, um zu erkunden,
ob sie noch dieselben Gesinnungen hegen
wie früher. Sagen sie uns unbedingt Hilfe zu, so
haben wir bereits den halben Sieg. Ich denke, zu
den Preußen senden wir am besten meinen Bruder
und zu den Rügianern, Obotriden und Wilzen gehe
ich selber. Beginnen wir unsere Reise im ersten
Frühjahr, so können wir im Mai spätestens wieder
daheim sein. Inzwischen bereiten wir unsere Nachbarn
in der Umgegend vor, jedoch in der Weise,
dag ein jeder von uns nur diejenigen ins Geheimnis
zieht, deren Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit
er bestimmt versichert ist. Deutschen= und
Christenknechte, wie wir deren einen heute gehört
haben, behelligen wir nicht. Ein jeder der von
uns über unser Vorhaben Unterrichteten, muß sich
verpflichten, seinerseits bestimmte Männer seiner Bekanntschaft
oder Freundschaft für unseren Bund zu
gewinnen. Auf diese Weise kann noch vor Beginn
des Sommers unser ganzes Pommernland zwischen
Randow umd Persante vorbereitet sein, denn jeuseits
der Oder werde ich bei meiner Anwesenheit
die nötigen Abmachungen treffen. Die Pomerellen,
unsere unglücklichen Stammesgenossen jenseits der
Persanke, die in polnischer Knechtschaft schmachten,
dürfen wir nicht ins Vertrauen ziehen. Es möch-