Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1904. (38)

18.  Okt.  1888  Zweiunddreißigstes  Kapitel  259

thut?"“  Es  wurde  viel  über  die  drollige  Wißbegier  des  Knaben
gelacht.  Als  wir  aufstanden  und  Lindau  sich  verabschiedete,  um
heimzureisen,  fragte  der  Chef  mich:  „Herr  Doktor,  gehen  Sie  jetzt
auf  Ihre  Stube?“  —  „Ja,  Durchlaucht.“  —  „Da  werde  ich  Sie
von  dort  rufen  lassen;  ich  möchte  Ihnen  noch  was  zeigen.“  Nach
einer  Viertelstunde  holte  mich  der  Diener  nach  dem  Arbeitszimmer
des  Fürsten,  und  dieser  übergab  mir  ein  großes  Paket  Briesschaften.
„Die  sind  vom  alten  Kaiser,“  sagte  er,  worauf  er  mir  einiges
davon  vorlas.  Dann  wollte  er  sie  wie  die  frühern  Schriftstücke  geordnet
  haben  —  „wieder  bloß  chronologisch,  nach  dem  Datum.“
Er  fragte:  „Wird  das  Ihnen  aber  nicht  zu  viel  werden?“"  Ich  verneinte
  es  lebhaft;  dazu  sei  ich  da,  und  ich  freue  mich,  ihm  zu
dienen  und  zugleich  etwas  zu  meiner  Information  lesen  und  mitnehmen
  zu  können.  Er  fuhr  fort:  „Und  hier  ist  auch  einer  von
dem  alten  Bodelschwingh  —  Schwindelbod.  Und  da  sind  andre
(auf  ein  zweites  Paket  deutend),  die  Korrespondenz  mit  Andrassy
zum  Beispiel,  im  Sommer  1879;  da  werden  Sie  Information  genug
finden.“  Er  nahm  einen  dritten  Haufen.  „Die  sind  vom  Kaiser
Friedrich  als  Kronprinzen,  auch  einer  von  ihr,  aus  der  Villa  Zirio.“
Er  wollte  sie  in  ein  Fach  des  Schreibtisches  legen.  Ich  bat  ihn,
sie  mir  auch  mitzugeben.  „Na  (lächelnd),  haben  Sie  denn  noch
nicht  genug,  Büschlein?“  —  „Es  wird  gut  sein,  der  Übersicht  und
raschen  Einordnung  wegen,  daß  ich  gleich  alles,  was  da  ist,  mitbekomme.“
  —  „Es  ist  aber  noch  mehr  da,  und  schon  das  ist  schwer
zu  tragen."  Ich  kriegte  indes  alles,  was  er  bei  der  Hand  hatte,
und  schaffte  es  hinauf,  um  nächsten  Vormittag  mit  der  Durchsicht
zu  beginnen.  Doch  ließ  es  mir  nicht  Ruhe  bis  dahin,  und  ich  las
schon  diesen  Nachmittag  einige  Stücke  als  Probe,  z.  B.  den  langen
Brief  der  Kronprinzessin  aus  San  Remo  (vom  22.  November  1887),
der  dem  Kanzler  über  die  Krankheit  ihres  Gemahls  und  die  Arzte
berichtete,  und  Bodelschwinghs  Schreiben,  an  das  der  Chef  oben
mit  Bleistift  „alter  Heuchler“  geschrieben  hatte.  Dann  vor  dem
Diner  weiter  Spaziergang  mit  Rottenburg  durch  den  Wald,  wo
die  Chaussee  nach  Möhnsen  ihn  durchschneidet.  Lebhafte  Unterhaltung
  über  allerhand  Ernstes  und  Heiteres  dabei,  z.  B.  über  Darwin
und  dessen  Würdigung  von  seiten  des  Chefs,  der  viel  von  ihm  hält.

Donnerstag,  den  18.  Oktober  früh  mit  der  Sortierung  und
17“