Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

110  Zweites  Buch.  Der  Kampf  um  das  Dasein.

blessiert  und  das  Gewehr  weggeschmissen,  soll  er  vierzig  Prügel
geben  lassen“,  wird  der  Gouverneur  von  Stettin  angewiesen.
„Die  Schurken  von  Soldaten,"“  schreibt  er  Finckenstein,  „thun
ihre  Pflicht  nicht,“  und  „um  nichts  zu  verheimlichen“  bekennt
er,  daß  er  seine  Truppen  mehr  fürchte  als  den  Feind,  der  ihm
unnötig  Zeit  lasse.  Seine  Armee  habe,  klagt  er  ein  anderes
Mal,  keine  Ehre  mehr  und  man  könne  nichts  Kühnes  mit  ihr
unternehmen:  er  aber  wolle  dem  Staate  trotzdem  die  Treue
halten  und  wenn  „seine  Canaille"  ihn  im  Stich  ließe,  das  nicht
überleben.  Was  die  so  geschmähte  Armee  im  Fortgang  des
Krieges  geleistet,  zeigt  am  besten,  wie  unrecht  der  König  ihr
in  seiner  Verzweiflung  und  Erbitterung  gethan.  Darin  aber
offenbart  sich  ein  für  Friedrich  charakteristischer  Zug.  Bei  den
ungeheuren  Anforderungen,  die  er  an  sich  selbst  stellte,  ging
ihm  der  Maßstab  verloren,  und  er  meinte  auch  von  anderen
sich  jeder  Zeit  außerordentlicher  Leistungen  versehen  zu  können,
wie  sie  ihm  selbst  sein  unbarmherziges  Pflichtgefühl  abrang.
Ein  Mißlingen,  das  er,  begegnete  es  ihm,  einem  unvernünftigen
  Zufall  zuschrieb,  der  aller  Logik  spotte  (S.  45),  rechnete
er  anderen  an  als  durch  Pflichtversäumnis  oder  Unfähigkeit  verschuldet.
  Seine  Generale  haben  das  oft  genug  zu  erfahren
gehabt.

Und  noch  hatte  das  Unglück  sich  nicht  erschöpft.  Während
der  König  die  Russen  aufhielt,  hatte  die  Reichsarmee  Halle
und  Leipzig  genommen.  Wittenberg,  wo  zumeist  Sachsen  lagen,
und  dann  Torgau  hatte  kapituliert.  Daß  wenigstens  Wittenberg
  vom  General  Wunsch  zurückgewonnen  wurde,  war  seit
einem  Jahre  die  erste  gute  Nachricht,  die  er  erhielt  (28.  August).
Aber  während  er  dem  in  Schlesien  hart  bedrängten  Prinzen
Heinrich  Luft  zu  machen  eilte,  mußte  General  von  Schmettau
das  von  Daun  belagerte  Dresden  übergeben  (4.  September).
Friedrich  war  außer  sich.  Ungerecht  übertreibend  und  undankbar
  verallgemeinernd  schalt  er,  in  einem  Augenblick,  wo  es  auf
fermeté  ankomme,  mache  Schmettau  es  wie  alle  seine  Offiziere
und  habe  keine.  Ihm  selbst  werde  Unmögliches  zugemutet:  hier
solle  er  den  Russen  den  Weg  verlegen,  dort  Landon,  „des
H.  Römischen  Reiches  Erzbärenführer“,  fassen  und  weiter  Daun