Full text : Protokolle der im October 1873 im Königlich Preußischen Unterrichts-Ministerium über verschiedene Fragen des höheren Schulwesens abgehaltenen Conferenz.

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Für  seinen  Plan,  erklärte  Hr.  Ostendorf,  spreche  die  Natur
der  Dinge.,  Das  Interesse  der  Schüler,  worauf  bei  dem  Unterricht
so  viel  ankomme,  werde  bei  neunjährigen  Knaben  mehr  durch  eine
neuere  Sprache  als  durch  das  Lateinische  geweckt.  Die  Aussprache-Uebungen,
  die  in  späteren  Lebensjahren  nur  ermüdend  seien,  hätten
in  jenem  Alter  etwas  sehr  Bildendes;  sie  gewöhnten  an  Aufmerk—
samkeit,  Ordnung,  Nettigkeit,  und  wirkten  günstig  auch  auf  die
Aussprache  des  Deutschen  zurück;  die  französischen  Vocabeln  erlernten
  sich  leichter  und  sicherer  als  die  lateinischen;  denn  im  französischen
  Unterricht  könne  man  im  Anfangsunterricht  stets  an  Dinge
anknupfen,  welche  der  Schüler  kenne,  vielleicht  gerade  vor  Augen
sehe;  im  lateinischen  Unterricht  lasse  sich  dies  nur  in  beschränktem
Maße  durchführen.  Die  Formenlehre  der  französischen  Sprache  sei
für  den  neunjährigen  deutschen  Knaben  bildender  als  die  der  lateinischen,
  und  die  Syntax  der  ersteren  mindestens  ebenso  bildend  als  die
der  letzteren.  Man  müsse  sich  nur  klar  machen,  was  der  grammatische
Unterricht  in  einer  fremden  Sprache  bei  einem  neunjährigen  Knaben
zunächst  bezwecke.  Die  Formenlehre  folle  nicht  etwa  den  Scharfsinn
üben;  dafür  wirkten  andere  Unterrichtsgegenstände,  namentlich  in
den  späteren  Schuljahren.  Sie  habe  den  Zweck,  denken  zu  lehren;
in  den  Wortformen  seien  Denkformen  eingeschlossen.  Folglich  seien
für  den  Knaben  nicht  blos  alle  Unregelmäßigkeiten,  sondern  auch
alle  Verschiedenheiten  der  Wortform  für  dasselbe  Gedankenverhältniß
werthlos.  Fünf  Declinationen  und  vier  Conjugationen  hätten
durchaus  nicht  mehr  bildende  Kraft  als  Eine  Derlination  und
Eine  Conjugation  haben  würden;  im  Gegentheil,  eine  solche  Fülle
von  Formen  könne  den  Knaben  nur  verwirren  oder  nehme
wenigstens  seine  Aufmerksamkeit  zu  sehr  für  die  Form  in  Anspruch,
als  daß  er  zu  den  darin  eingeschlossenen  Gedanken  durchzudringen
vermöchte.  Der  Mangel  an  jeder  Declinatien  in  den  romanischen
Sprachen  sei  für  den  deutschen  Knaben  kein  Nachtheil;  er  finde  in
jenen  Sprachen  Subject  und  Object  durch  die  Stellung  unterschieden,
  sehe  Genitiv  und  Dativ  durch  Vorwörter  ausgedrückt  und
müsse  sich  nun  auf  die  Form  in  seiner  Muttersprache  besinnen;  so
dringe  er  in  die  Bedeutung  dieser  Formen  ein  und  lerne  denken,
während  bei  dem  Uebersetzen  aus  dem  Lateinischen  und  in  das
Deutsche  fast  die  ganze  Aufmerksamkeit  des  Schülers  durch  die
fremden  Formen  in  Anspruch  genommen  werde,  bei  denen  er  sich
jiächst  nichts  denke.  Die  Conjugation  der  romanischen  Sprachen
ei  weit  bildender  als  die  der  lateinischen;  letztere  fasse  Aorist  und
Perfectum  in  Eine  Form  zusammen,  desgleichen  Conjunctiv  und
Conditionalis;  erstere  unterscheide  in  der  einen  wie  in  der  anderen
Hinsicht.  »
-.Umtechtbildendszusein,sfurHr.Ostendorfforhmüßten
die  Formen  einer  fremden  Sprache  einerseits  einfach,  andererseits