Ordnung Obotritiens. 253
300 Hufen Landes, wie der Oldenburger und Ratzeburger solche erhalten
hatten. Auch belegte Heinrich die Slawen von Wagrien bis zum Kissinenlande
mit einträglichen Abgaben an die drei Bischöfe. Indem die Zahl der Bewohner
dieser Gegenden durch die ausgedehnte Kolonisation schnell und beträchtlich
zunahm, mehrten sich die Zehntenentrichter für die Bischöfe und die Pfarrer.
Nach dem von Hartwich I. gegebenen Beispiele erhoben sich dort zahlreiche
Kirchen in dem von ihm aus Italien eingeführten Backsteinbau; hauptsächlich
niederländische Architekten errichteten sies).
So war in kürzester Zeit ein neuer germanischer Staat auf slawischem Gebiete
gestiftet: er stand fertig da, an seiner Spitze der Herzog, unter ihm Landeshauptleute,
die bald zu Grafen wurden, als Führer der Geistlichkeit ein
Bischof. Und daß nicht das Ganze eine leere Form blieb ohne entsprechenden
Inhalt, dafür sorgte binnen kurzem die damals unwiderstehliche Expansivund
Bildungskraft des deutschen Volkes. Aus ganz Deutschland — vorzüglich,
wie sich leicht begreifen läßt, aus dem Norden — kamen die Menschen
zusammen in dem weiten, fruchtbaren, herdennährenden Obotritenlande, wo
der deutsche Bauer nicht nur umsonst wertvolle Grundstücke zur Bestellung
erh ielt, sondern auch in eine viel freiere, geachtetere Stellung eintrat, als er
sie in dem heimischen Dorfe besessen hatte'*). Schnell schwand vor dem
rüstigen deutschen Kolonen mit seiner ausgebildeteren Weise des Ackerbaues
die slawische Bevölkerung, und wo sie bestehen blieb, da nahm sie allmählich
deutsches Wesen, deutschen Glauben, deutsche Sprache an??*7).—Diese großen
Erfolge verdankte Deutschland nächst der Kraft seines eigenen Volksgeistes
zumeist der unermüdlich vordringenden Tätigkeit Heinrichs des Löwen.
Originell freilich ist seine Schöpfung nicht, da er nur auf den Bahnen Adolfs II.
von Holstein und Albrechts des Bären von Brandenburg wandelte: aber
dennoch muß ihm Deutschland für die einsichtig angelegte und energisch
durchgeführte und aufrecht erhaltene Germanisierung der wichtigen Ostseeprovinz
hohen Dank zollen.
Über der Ordnung dieser neuen Eroberungen vergaß Heinrich auch
Wagriens nicht. Es war keinesfalls gegen seinen Willen geschehen, daß
Viktor IV. zu Pavia dem Erzbischofe Hartwich von Bremen die geistliche
Obergewalt über die drei slawischen Bistümer übertragen oder vielmehr bestätigt
hattef). Auch in einer anderen kirchlichen Angelegenheit willfahrte
der Herzog den Bitten der Bischöfe. An einem vorher bestimmten Tage
kamen sowohl er als auch Bischof Gerold nach Lübeck, um dort an Ort und
Stelle die weitere Ordnung des dorthin verlegten Bischofsitzes zubesprechenfft#).
*) Niemeyer II (Meldorfer Progr. 1882), S. 7.
"“) Vgl. S. 77.
%Heilm. I. 88.
Ls 1W et Monum. inedit. rer. Germ. II, p. 2036 f.: Datum Papiae anno d. i.
) die erer. —
Hochsommer