Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Erster Jahrgang. 1885. (26)

130  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Septbr.  22.—23.)

über  der  Polizeigewalt,  den  Erlaß  von  Landgemeinde-  und  Wege-Ordnungen
vertreten  sie  als  eine  Aufgabe  von  gleich  hoher  Bedeutung  für  das  weitere
Aufblühen  des  preußischen  Staates,  wie  für  die  politische  und  wirtschaftliche
Selbstthätigkeit  seiner  Bürger.  Den  immer  weitergreifenden  Machtansprüchen
der  römischen  Hierarchie  und  ihrer  Parteigänger,  zumal  den  Übergriffen  auf
das  Gebiet  der  Schule  und  freien  wissenschaftlichen  Forschung  kraftvoll.
entgegenzutreten,  ist  ihr  ernster  und  fester  Entschluß.  Von  der  Initiative
der  Staatsregierung  und  ihrer  fortgesetzt  versöhnlichen  Politik,  welche  die
Bedürfnisse  einer  geordneten  Seelsorge  für  die  katholischen  Mitbürger  berücksichtigt,
  erwarten  sie  im  geeigneten  Zeitpunkt  eine  Beseitigung  solcher  als
Härten  empfundenen  maigesetzlichen  Bestimmungen,  deren  Aufrechterhaltung
das  Staatsinteresse  nicht  gebietet.  Sie  begrüßen  freudig  im  Interesse  des
öffentlichen  Gemeinlebens  das  Wiedererstarken  einer  von  wahrhaft  humanem
und  liberalem  Geiste  beseelten  Partei,  die  den  hohen  Aufgaben  der  Gegenwart
  und  den  Lehren  aus  der  geschichtlichen  Entwickelung  des  Staates  und
des  Reiches  gerecht  wird  und  sich  der  Verantwortlichkeit  des  öffentlichen
Lebens  allezeit  bewußt  bleibt."

22.  September.  (Braunschweig.)  Der  Herzog  von  Cumberland
  richtet  an  sämtliche  deutschen  Bundesstaaten  mit  Ausnahme
Preußens  ein  Schreiben,  in  welchem  er  gegen  den  Bundesratsbeschluß
vom  2.  Juli  protestiert.

  In  demselben  werden  die  sämtlichen  Beweismittel,  welche  der  Herzog
für  seine  Ansprüche  anderweit  geltend  gemacht  hat,  wiederholt  und  betont,
daß  der  von  ihm  festgehaltene  Anspruch  auf  die  Krone  Hannovers  mit  der

Reichsverfassung  nicht  im  Widerspruch  stehe  und  seine  volle  Anerkennung
derselben  nicht  ausschließe.

22.  September.  (Karolinen-Inseln.)  über  die  Eventualität
eines  Kriegs  mit  Spanien  schreibt  die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  in  einem
gegen  den  New-York  Herald  polemisierenden  Artikel:

Wie  zu  erwarten,  kommt  das  Blatt  denn  auch  jetzt  auf  sein  früher
kolportiertes  Märchen  über  Kuba  zurück  und  will  seine  Leser  glauben  machen,
daß  die  gegenwärtige  Aktion  Deutschlands  nur  dazu  diene,  seine  Absichten
auf  den  Erwerb  dieser  Insel  zu  verdecken,  also  ihre  Spitze  auch  gegen  die
Vereinigten  Staaten  richte.  Wenn  Spanien  einen  Krieg  gegen  Deutschland
unternehmen  sollte,  was  wir  nicht  glauben,  so  würde  Kuba  allerdings  ein
wichtiges  Angriffsobjekt  für  uns  bilden;  aber  die  amerikanischen  Staatsmänner
  sind  zu  gut  über  die  Tendenz  unserer  Kolonialpolitik  unterrichtet,
um  zu  glauben,  daß  die  deutsche  Regierung  auf  den  Gedanken  kommen  könnte,
sich  dauernd  eines  Landes  zu  bemächtigen,  welches  in  deutschem  Besitz  doch
noch  weit  stärkere  Garnisonen  erfordern  würde,  als  die  spanische  Regierung
dort  zu  halten  genötigt  ist.

23.  September.  Der  Kaiser  begibt  sich  von  Stuttgart  nach
Baden-Baden.

23.  September.  Die  Ostafrikanische  Gesellschaft  gibt
bekannt,  daß  sie  durch  Abschluß  neuer  Verträge  die  Gebiete  nördlich

des  Kilima  Ndjaro  bis  zum  Tana  erworben  habe.

Durch  diese  Erwerbung  wird  das  Gebiet  der  ostafrikanischen  Gesellschaft
  bis  an  die  Grenze  der  ebenfalls  deutschen  Witu-Gesellschaft  vorgeschoben;